Funakoshis Nijukun – Leitlinien des Karate

Mit den 20 Leitsätzen des Karate hat Gichin Funakoshi (1868-1957) eine Richtung für Praktizierende des Karate vorgegeben, in welche deren persönliche Entwicklung gehen sollte. Die Nijukun enthalten gesellschaftlich wirksame, übungsbezogene aber auch, etwas verborgener und geschickt eingeflochten, kampftaktische Richtlinien. Sie basieren auch auf philosophischen Grundsätzen und bekräftigen Gichin Funakoshis Hintergrund auf diesem Gebiet. So sind sie nicht nur auf die Kampfkunst, sondern im Grunde auch auf ein Leben ohne Kampftechnik anwendbar. Diese Leitsätze beherbergen Aspekte wie die Entwicklung von Zufriedenheit, Ruhe und Selbstfindung. Aspekte, die gestern wie heute wesentlich zu einem glücklicheren Leben beitragen können. Ähnliche Leitsätze sind auch von Tode Sakugawa und Funakoshis Lehrer (Itosu Anko) bekannt.

Man sollte die Leitsätze nicht als Regelwerk mit Gesetzescharakter betrachten, sondern vielmehr als eine Art Wegweiser für die eigene Entwicklung. Es heißt »Ziel der Kampfkunst ist es, ein ganzer Mensch zu werden«. Zur Interpretation der Leitsätze ist das Buch »Gichin Funakoshi Karate-do – Die Kunst, ohne Waffen zu siegen« (Piper) zu empfehlen, da die Nijukun selbst Spielraum für Interpretationen lassen. In dem Buch kommentiert ein Zeitgenosse (Genwa Nakasone) Funakoshis die Nijukun. Nakasone hat den Erklärungen im damaligen Dojo Funakoshis beigewohnt und seine Kommentare nochmals von Funakoshi bestätigen lassen hat. Nachfolgend liste ich die Nijukun auf, zusammen mit teils kürzeren teils auch ausführlicheren Gedanken meinerseits.

1. Karatedo wa rei ni hajimari, rei ni owaru koto wo wasuruna. Denke immer daran, dass die leere Hand mit einem respektvollen Gruß beginnt und auch mit einem respektvollen Gruß endet.

Erinnert an die konfuzianische Grundtugend von Sittlichkeit und Respekt anderen aber auch sich selbst gegenüber. Nakasone schreibt, Kampfmethoden, denen es an »Rei« (=Respekt, Achtung) fehle, seien keine Kampfkünste, sondern bloß verachtenswerte Gewalt. Körperliche Kraft ohne “Rei” sei nichts als brutale Stärke und für den Menschen ohne Wert.

Karate sollte man als ein Mittel sehen, einen Angriff kontern zu können. Genauso wesentlich ist es aber, es als ein Mittel zum Ausbau des eigenen Potentials insgesamt zu nutzen. Ersteres ist Gewalt, welche im Notfall konsequent angewandt wird. Letzteres füllt den ganzen Rest im Leben aus, ist gemessen daran, wie oft wir zur rohen Gewalt greifen müssen also der weitaus größere Teil. Dies unterscheidet denjenigen, der den Weg des Karate einschlägt von dem, der bloß seine Kräfte messen will oder muss.

 

2. Karate ni sente nashi. Es gibt kein Zuvorkommen (ersten Angriff) bei der leeren Hand.

Ein sehr wesentlicher und wichtiger Leitsatz. Er führte zu großen Fehlinterpretationen auf welche sich manche Trainingsmethodik jedoch stützt.

Er bedeutet nicht, dass es im Karate immer zuerst eine Abwehr geben müsse – im Gegenteil. Bezogen auf eine reale Konfrontation wäre dies eine sehr gefährliche Strategie und entspricht auch nicht dem grundsätzlich vorhandenen dominanten Vorwärtsdrang und -gang der Kata. Warum geht man in Karatekata oftmals scheinbar blockend vor? Oft höre ich: Weil der Konter weg gelassen wurde, man müsse sich jedes Mal einen Gyaku-Zuki denken. Diese Art Block/ Konter entspricht einem Rhythmus, welchen es im alten Karate jedoch nicht gab. Wenn man einen reinen Block ausführt um danach zu Kontern, dann verlässt man sich darauf, dass der Angreifer seinen Angriff nicht fort führt. Geht man beim Blocken auch noch rückwärts, dann verlässt man sich zudem darauf, dass der Angreifer seinen vorteilhaften Vorwärtsgang nicht weiter nutzt. Diese Methodik stammt aus dem Kindertraining des frühen öffentlichen Karate. Für Kinder ist es ok, aber es ist keine sinnvolle Strategie der Selbstverteidigung und bringt einen in eine nachteilige Situation. Warum gehen die Kata also blockend vor? Weil es keine Blocks sind. Jeder Block trägt einen Angriff in sich. Jedoch wurde die Ausführungsart dieser Techniken für Anfänger und Kinder verändert, so dass sie den Angriffscharakter verloren haben.

Funakoshis Aussagen bekräftigen natürlich, dass es bei dieser Richtlinie einerseits um eine Tugend geht, wonach man niemals durch einen unbeherrschen Erstschlag die eigene Gesundheit oder die eines anderen Menschen riskieren darf. Ein »Gentleman« muß nach Funakoshi in unangenhemen Situationen des Lebens durchaus eine erweiterte Leidensfähigkeit besitzen, die ihre Grenzen jedoch beim Beginn von gegen die eigene Person gerichteter physischer Gewalt hat. Für den Samurai war es ein Grundsatz des Bushido, dass das Schwert nie unbesonnen gezogen würde.

Es geht aber auch darum, dass man zwar nicht als Erster angreift, jedoch immer bereit ist, einem (ersten) Angriff direkt entgegnen zu können – mit dem eigenen Angriff. Das Prinzip des Sen sen no sen beschreibt, dass der Moment bereits als Angriff zählt, in dem sich der potentielle Angreifer dn geistigen Impuls gibt. Hierbei hat er sich verbal und körperlich bereits vorbereitet und ist an einem Punkt angelangt, an dem klar ist, dass sein Angriff auf unsere Gesundheit unmittelbar bevorsteht. Haben wir es nicht geschafft, diesen Verlauf zu stoppen und können wir einem Kampf nicht auf andere Weise ausweichen, dann dürften wir uns auch nach dieser Richtlinie „verteidigen“. Notwehrrechtlich wäre dies der präventive Erstschlag.

Ergänzend ist die Richtlinie 17 zu sehen, wonach es im fortgeschrittene Stadium keine bestimmte Kampfhaltung mehr gibt, da jede natürliche Haltung auch eine Kampfhaltung darstellen muß, will man jederzeit bereit sein, auf einen Angriff zu antworten. Eine Kampfhaltung würde dem potentiellen Angreifer zwangsweise unsere Kampfbereitschaft signalisieren. Dies kann ein taktischer Nachteil sein. Funakoshi veranschaulicht dies sehr deutlich anhand des »Hundes, der diese Regel verstanden hat« und in dem Moment zubeißt, wo nach ihm getreten wird. Dieser Grundsatz ist ebenfalls zu finden in Yagyu Munenoris »Methoden des Gefechts«, Myamoto Musashi »Buch der 5 Ringe« und reicht bis in die chinesische Kriegsliteratur wie Sun Tzu’s »Kunst des Krieges« zurück.

Im Karate ist der Moment des Ergreifens der Initiative mit den drei Möglichkeiten “Go No Sen, Sen No Sen und Sen Sen No Sen” verknüpft. Musashi schreibt analog von “Ken No Sen, Tai No Sen und Tai Tai No Sen”. Hiernach ist die Möglichkeit nicht vorgesehen, die eigene Initiative anzugreifen, erst nach einem reinen Block des gegnerischen Erstschlages zu übernehmen. Führt man als Antwort auf einen Angriff zunächst eine rückwärtige blockende Bewegung aus, dann begibt man sich selbst in eine nachteilige Position in einem sich unberechenbar schnell entwickelnden Kampf. Man muß aus der rückwärtigen und defensiven Haltung heraus dann erst wieder in die vorwärts gerichtete Offensive wechseln, was sich in einem naturgemäß schnell unüberschaubar werdenden Kampf als sehr schwierig darstellt.  Jedoch bieten oben genannte 3 Möglichkeiten die Wahl, einen reinen Erstschlag zu führen. Zunächst scheint dies im Widerspruch zu Funakoshis Richtlinien zu stehen. Es handelt sich  jedoch um einen “präventiven” Erstschlag, i.e. wenn der gegnerische Angriff unmittelbar bevorsteht und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr durch andere Mittel abzuwenden ist. Die anderen beiden Möglichkeiten sind, den eigenen Angriff zusammen mit dem gegnerischen Angriff zu starten oder den eigenen Angriff in die Öffnung zu starten, die sich während des gegnerischen Angriffs bietet. Entsprechend dieser Überlegungen sehen die aus modernen Karatestilen bekannten »Blocktechniken« in den traditionellen Stilen oftmals unterschiedlich aus was Endhaltung und Ausführung angeht.

 

3. Karate wa gi no tasuke. Die leere Hand hilft der Gerechtigkeit.

Selbsterklärend

 

4. Mazu jiko wo shire, shikoshite tao wo shire. Erkenne dich zuerst selbst, dann den Anderen.

Man sollte durch das große Medien-/ Vergnügungs- und Konsumangebot sich nicht davon ablenken lassen, nach Innen zu schauen. Ein Rennen von einem kurzen äusserlichen Glück zum nächsten ist nicht erfüllend. Irgendwann wird man da stehen und sich fragen, wo sind all die Jahre geblieben, warum bin ich immer noch nicht glücklich, was ist der Sinn, was meine Bestimmung? Wer ist man, was braucht man wirklich? Fragen der Reduktion und Selbstreflexion können zu einem glücklichen Leben führen. Motto: „Alles was du hast, hat dich.“ So wird man wahrscheinlich nicht das Gefühl von Freiheit finden. Weiß man, wer man ist und was man will, dann hat man tiefegreifende Denkprozesse durchlaufen und die Augen für das Wesen der anderen Menschen werden offener.
Zitat: „Kennst du dich nicht und den Gegner nicht, wirst du verlieren. Kennst du nur einen von Beiden, dann stehen die Chancen 50/ 50. Kennst du sie Beide, dann wirst du nicht verlieren.“

 

5. Gijutsu yori shinjutsu. Die Kunst des Herzens (Geistes) kommt vor der Kunst der Technik.

Siehe Anmerkungen zu Richtlinie 1.

 

6. Kokoro wa hanatan koto wo yosu. Es ist notwendig, das Herz (den Geist) zu kontrollieren und von Unnützem zu befreien.


Siehe »Zen u. Kampfkunst – Mushin«

 

 7. Wazawai wa getai ni shozu. Unheil entsteht aus Unachtsamkeit/ Nachlässigkeit.

Siehe »Zen u. Kampfkunst – Zanshin«

 

8. Dojo nomino karate to omou na. Denke nicht nur im Dojo an die leere Hand. Sie geht über das eigentliche Training hinaus.

Die Prinzipien des Karate trainieren nicht Körpergefühl, -einsatz und -kontrolle von den tiefen Muskelgruppen bis ins kleinste Gelenk. Sie erweitern genauso das mentale Potential und unterstützen die Gesundheit. Dazu zählen u.a. Achtsamkeit, Bewusstheit, Schmerzempflichkeit, Durchhaltevermögen, Konzentrationsfähigkeit, Respekt, Ausgeglichenheit. Nimmt man dieses Gefühl mit in den Alltag, wird das Leben stressfreier, ausgeglichener, gesünder und insgesamt positiver.

 

9. Karate no shugyo wa issho de aru. Die Übung der leeren Hand endet erst mit dem Tod.

Karatetraining sollte nicht zu lasten der Gesundheit gehen und bis zum Lebensende dazu gehören können. Es gibt hier große Unterschiede in den einzelen Karaterichtungen.

 

10. Ara-yuru mono wo karate-ka seyo, soko ni myo-mi ari. Du kannst die leere Hand auf alles wirken lassen, darin liegt ein geheimnisvoller Reiz.

Das gesamte Potential des Trainings wirkt positiv auf sämtliche Aspekte des Lebens. Zusammenhang mit Nr 8.

 

11. Karate wa yu no goto shi taezu natsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaeru. Die leere Hand ist wie heißes Wasser. Führt man diesem nicht unaufhörlich Hitze zu, wird es kalt.

 

12. Katsu kangae wa motsu na makenu kangae wa hitsuyo. Denke nicht an das Siegen; notwendig ist jedoch, an das “Nicht-Verlieren” zu denken.

 

 13. Teki ni yotte tenka seyo. Wandle dich, abhängig vom Feind.

 

14. Tatakai wa kyo-jitsu no soju ikan ni ari. Der Kampf hängt davon ab, wie man Stärken und Schwächen (oder Leere und Fülle oder Leichtigkeit und Schwere) handhabt.

 

15. Hito no te ashi wo ken to omoe. Betrachte die Arme und Beine des Menschen als Schwerter.

 16. Danshi mon wo izureba hyakuman no teki ari. Wenn ein junger Mann durch das Tor hinausgeht, hat er hundert mal zehntausend Feinde.

 17. Kamae wa shoshinsha ni ato wa shizentai. Das Einnehmen einer Haltung (Kampfstellung) gibt es beim Anfänger, später wird auch diese Haltung natürlich (Shizentai).

In den Kata des Karate gibt es kaum Kampfhaltungen, welche an Wettkampfsport erinnern. Im Alltag muss man aus jeder Haltung reagieren können und vorbereitet sein OHNE es dem potentiellen Angreifer zu signalisieren. Daher wird jede natürlich wirkende Haltung zur achtsamen Kamae.

 

 18. Kata wa tadashiku jissen wa betsu mono. Übe die Formen (Kata) exakt und unverändert, im wirklichen Kampf ist das jedoch eine andere Sache.

 19. Chikara no kyojaku, karada no shinshuku, waza no kankyu wo wasaruna. Vergiss nicht die Verstärkung und Verringerung der Kraft, das Ausdehnen und Zusammenziehen des Körpers sowie die langsame und schnelle Ausführung der Technik in Verbindung mit der Atmung.

 20. Tsune ni shinen kufu seyo. Stelle in Frage, und versuche dich an Neuem.