Yamanni Ryu – Einführung und Waffen

…One day at a martial arts demonstration there was a bo routine performed similar to what I was practicing. I overheard some kendo students critiquing that bo style, saying that it was too stiff, too ineffective, and I agreed with them. Considering how wide-spread bo is in our culture I figured that there must be some other, deeper style. (T. Oshiro)

 

Kobudo und Kobujutsu. Kobudo ist die moderne Bezeichnung für den „alten Weg der Waffen“ und betont die Verbindung des Kobujutsu (Jutsu meint die Anwendung) mit dem Weg-Gedanken. Der Weg-Gedanke wurde in Japan nicht nur mit kämpferischen Künsten verknüpft, sondern auch mit gänzlich friedfertigen Tätigkeiten wie dem Teeweg (Chado). Kobujutsu ist der kämpferische Umgang mit häuslich bzw. land­wirt­schaftlich anmutenden Gegen­ständen. Die Hauptwaffen und direkt mit dem Shorin Ryu Karate verwandt sind der Langstock (Bo) und die Stahlgabeln (Sai).

 

 

 

 

 

Yamanni Ryu – Der wohl ursprünglichste Stil des okinawischen Kobudo. Das Yamanni Ryu (auch Yamane Ryu) ist Kampfkunsthistorikern zur Folge der älteste Kobudostil Okinawas. Shihan Oshiro Toshihiro erlernte diesen Weg in seiner Reinform und entschloss sich zu dessen Verbreitung an ernsthaft Interessierte. Zuvor galt das Yamanni-Ryu aufgrund seiner stark eingeschränkten Anzahl Praktizierender als ausgestorben. Selbst Shihan Oshiro war damals lange Zeit nicht bewusst, dass er eine ganze Weile der einzige private Schüler in dieser gut geschützten aber doch so bedeutsamen Kobudotradition war. Innerhalb der Chinen Familie wurde nicht nur das Yamanni Ryu weiter gegeben, sondern ebenso das Shorin Ryu Karate. Ableitungen des Yamanni Ryu verbreiteten sich bereits Anfang des 19.Jh als abgewandelte, modernere Kobustile bis in alle Welt. Diese besitzen jedoch teils erhebliche Vereinfachungen in Sachen Prinzipientiefe und Motorik und bauen auf unvollständig erlernten Kata und Prinzipien auf. Das Yamanni Ryu ist dem Kampf mit der Naginata oder dem Schwert verwandt und geht damit in den Bereich Klingenkunst der Samurai. Der bekannte Samurai Takeda Shingen (1521 – 1573) war beispielsweise auch Meister des Speers.

Kakushi Buki. Aus vielen Haltungen des Yamanni Ryu kommt das mit der (imaginären) Klinge bestückte Bo Ende aus hinter dem Körper versteckten Haltungen überraschend schnell und weit vor. Die Handhaltung teilt den Bo also nicht stets in drei gleichlange Teile, sondern wandelt sich ständig. Auch hier liegt ein Unterschied zu anderen Kobudoarten. Selbst ohne ein mit Klinge bestücktem Ende, ist es von Vorteil, wenn man den eigenen Körper möglichst weit aus dem Kampfgeschehen heraus halten kann. Dies funktioniert, wenn man ein Bo Ende lang macht und Richtung Gegner schickt. Somit kann auch die Länge und Beschaffenheit (mit/ ohne Klinge) des Bo nicht vom Gegenüber eingeschätzt werden. Das Verbergen der eigenen Waffe(nlänge und -beschaffenheit) ist ein ganz wesentlicher Aspekt der Kampfkunst. Das Prinzip der verborgenen und verborgen gezogenen Waffen wird Kakushi Buki genannt. Entsprechende Techniken und Bewegungsprinzipien durchziehen das Karate wie auch das Yamanni-Ryu. Es gilt ganz besonders für die Sai. Diese waren ursprünglich nicht so massiv und gross, wie die in moderneren Stilen verbreiteten Modelle und konnten versteckt getragen und äusserst dynamisch eingesetzt werden. Ein und dieselbe Saitechnik dient, je nach Situation, dem Schlagen, Blocken oder Werfen. Es bleibt die gleiche Bewegung. Dazu gesellen sich Techniken zum Stoßen mit dem Knauf oder zum Stechen mit der langen oder den kurzen Spitzen und zum Verhebeln der Arme des Gegners.

Der als eine der Hauptfiguren in der Entwicklungsgeschichte des Karate bekannte Meister Sakugawa Kanga nimmt eine der wenigen bekannten Hauptrollen in den Anfängen des okinawischen Kobudo ein. In Anerkennung seines Könnens im Tode (China-Hand) wurde er auch »Tode« Sakugawa genannt. „China Hand“ erfuhr im 20. Jahrhundert eine Umbenennung in Karate (Leere Hand). Es liegt nahe, dass er das Tode (Karate) und das Kobudo motorisch aufeinander abgestimmt hat (siehe Beschreibung Hiki-Te). Zur Satonushi Schicht zählend, gehörte er zur Oberschicht der okinawanischen Bevölkerung. Nachdem Meister Kushanku (Kata Kanku Dai/ Sho, Kushanku) um 1750 in Okinawa ankam, wurde Sakugawa dessen Schüler. Der Mönch Takahara brachte Sakugawa mit Kushanku zusammen, welcher sich im chinesischen Bereich Okinawas Kumemura aufhielt. Sakugawa lehrnte auch bei einem Mönch (vermutlich Takahara), welcher beim Bo Experten Matsu Higa zur Schule ging. Der Mönch Takahara brachte Sakugawa mit Kushanku zusammen, welcher sich im chinesischen Bereich Okinawas Kumemura aufhielt. Auch China besuchte Sakugawa mehrmals zur Vertiefung seiner Fähigkeiten.

Die chinesische Kampfkunst, welche ihn beeinflusste stammt aus einem anderen Gebiet und hat unterschiedliche Ansätze, als die, welche die Shorei Linie (Goju Ryu) auf Okinawa formte. Zu seinen Schülern gehörte auch Chatan Yara. Ein weiterer Schüler Sakugawas, Chinen Kana, begründete die Kobujutsurichtung, welche im Yamanni Ryu gipfelte.

Chogi Kishaba meisterte als Schüler vom Familienstilerben Masama Chinen das Yamanni Ryu. Insbesondere die innere Körperarbeit und die daraus resultierende äußere Dynamik ist besonders ausgetüftelt. Das Erlernen einer Kampfkunst erfordert etwas Talent, viel Training und schließt Unterricht in größeren Gruppen aus. Chinens Großvater Sanda Chinen verdankt das Yamanni-Ryu seinen Namen. Er wurde auch Sanda Yamanni Chinen genannt. Sein Haus lag am Fuße eines Berges. Auch hierauf bezieht sich der Ausdruck „Yamanni“. Lange Zeit war Oshiro Shihan der einzige Schüler, den Kishaba auf seinem eigenen Anwesen unterrichtete. Kishaba bestimmte einen weiteren seiner wenigen Schüler, Kiyoshi Nishime, um zusammen mit Shihan Oshiro das Yamanni-Ryu Kobujutsu in der Welt zu verbreiten. Letztere gründeten den Verband Ryukyu Bujutsu Kenkyu Doyukai (RBKD), der sich der Erforschung und Weitergabe des traditionellen okinawanischen Karate und Kobudo (Yamanni-Ryu) widmet.

Oshiro Shihans einzigartige Verbindung zum alten Karate. Das Yamanni-Ryu war durch die familiäre Weitergabe keinen Vereinfachungen, ja bis zum Übergang an Shihan Oshiro und Kiyoshi Nishime nicht mal einem Gruppenunterricht unterworfen. Sakugawa und Matsumura sind bedeutende Meister auch in der Entwicklung des Shorin-Ryu Karate. Die Chinen Familie praktizierte Yamanni Ryu Kobudo und Shorin Ryu Karate. Shihan Oshiro konnte über das Yamanni Ryu grundlegende Rückschlüsse auf die alten Bewegungsmuster des Shorin-Ryu Karate, welches er bei Meistern wie Shoshin Nagamine lernte. Es entstand eine mit den Techniken der Karatekata stimmige und unglaublich effektive Bewegungs- und Technikausrichtung seines Karatestils, den Shihan Oshiro genau genommen „Shima Ha Shorin Ryu Karate“ nennt.

Hat man keine Waffe als Hilfsmittel zur Hand und gibt es keinen anderen Ausweg um den Kampf doch noch zu vermeiden, muß man sich unbewaffnet zur Wehr setzen. Durch die Einheit von Karate und Kobudo können dazu dieselben Bewegungsprinzpien abgerufen werden. Die Kata des Karate besitzen vielerlei Techniken, die direkt auf den Bo oder die Sai zurückgehen. Diese Techniken finden sich gleichermaßen in den alten und modernen Versionen der Kata. Insbesondere das Botraining übt auch Hebel- und Wurftechniken für das Karate ein. Hierbei spielt der Bo, einfach ausgedrückt, den Körper des Gegners oder dessen Arm.



Kobudo – eine Bauernkunst?
. Eine Art kämpferischer Bo-Tanz (Bo-Odori) wurde auch in Teilen der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung Okinawas ausgeübt. Dadurch entstand ein weit verbreitetes Gerücht, nach dem sich okinawanische Bauern organisiert und ausreichend im Waffenkampf übten, um sich sogar gegen Samurai verteidigen zu können. Für ein derartiges Training hatte diese hart arbeitende Bevölkerungsgruppe jedoch kaum Zeit. Zudem war gutes Training in der Kampfkunst oftmals teuer oder wurde nur innerhalb von Familien, innerhalb des Samurai Standes oder nur an ausgewählte Schüler weitergegeben.

Zur Ausübung und dem Studium der Kampfkunst hatten idR. nur Angehörige höherer Gesellschaftsschichten Geld, Zeit und die notwendigen Beziehungen. Die Weitergabe der unfragmentierten Kampfkunst blieb somit weitgehend innerhalb der Adelsschicht, zu dessen unterer Ebene auch die Samurai gehörten. Es liegt auf der Hand, dass sich in diesem Rahmen keine schlagkräftige Bauernarmee ausbilden und organisieren kann, die gegen Samurai standhalten konnte, welche ihr Leben dem Kampftraining widmeten.

Die bäuerliche Bevölkerung pachtete die zu bewirtschaftenden Felder. Einige Pächter konnten sich als Angehörige der unteren Adelsschicht das Kampfkunsttraining leisten. Vermutlich haben manche Bauern Gelegenheit gehabt, über ihre Pächter mit dem Kobudo in Kontakt zu kommen. Aus diesen Fragmenten eigneten sich manche Bauern dann Techniken zur Verteidigung an und gaben dieses Wissen weiter. Auch das tänzerische Bo-Odori dürfte sich hieraus entwickelt haben und wurde zu festlichen Veranstaltungen vorgeführt.


Hauptwaffen – Bo und Sai. Von den bekannten Kobudowaffen trainieren wir intensiv mit dem hölzernen Langstock Bo und den aus Eisen/ Stahl hergestellten Sai. Tonfa nehmen eine Nebenrolle ein. Nunchaku oder Kama werden bei uns im Dojounterricht derzeit nicht gelehrt, da ihr direkter Nutzen für die Bewegungsdynamik und auch für das waffenlose Karate nicht ganz so groß ist. Der Bo ist die Hauptwaffe des Kobudo und kaum ein okinawischer Meister trainierte früher neben dem Karate nicht auch noch den Umgang mit dem Bo.

Bo und Sai sind in ihrer Beschaffenheit den Möglichkeiten von Körper und Gelenken des Lernenden angepasst, um die sehr fließende Bewegungsdynamik verwirklichen zu können, die das Yamanni-Ryu ausmacht. So kann die eigene Körperdynamik und Motorik effektiv trainiert werden und direkt weitere Fortschritte im Karate ermöglichen.

Zur Hauptwaffe des Kobudo auf Okinawa zählte bereits früh der Langstock (ca 183cm) „Bo“, welcher dem Speer oder der Naginata entspringt. Die anderen Waffen, wie Kama, Nunchaku, Tonfa (Tuifa) usw., spielten eine untergeordnete Rolle. Dies sieht man auch daran, dass traditionelle Kata nur für den Bo vorhanden sind. Diese Kata gehen dann bis auf Meister Kanga »Tode« Sakugawa (ca 1730-1815) zurück (z.B. Sakugawa no kun). Die Kata der anderen Kobudowaffen sind vergleichsweise jüngerem Datums. Diese Erkenntnis bekräftigt die Bedeutung, die speziell dem Bo zugemessen wurde.
Sai wurden bereits früh in China als Waffe eingesetzt und kamen vermutlich aufgrund der frühen Handelsbeziehungen beider Länder nach Okinawa. Eine These zu den Ursprüngen des Karate und Kobudo auf Okinawa geht von einer Übersiedlung einiger chinesischer Familien aus, welche dann ihrerseits bedeutende Impulse auf die bestehende, einheimische Kampfkunst lieferten.

Durch das sehr eng am Körper stattfindende Handling der Kobudowaffen wird der eigene Körper geschützt und der benötigte, seitliche Bewegungsradius klein gehalten. Die Regel des Yamanni-Ryu, dass der eigene Körper dem Bo auf seinen engen Bahnen nie im Weg stehen darf erfordert die Entwicklung eines sehr geschmeidigen Körpers. Ein Mittel um den Körper an solch ein Handling zu gewöhnen, ist das Training nahe an einer Wand. Dies gilt für das Kobudo und das Karate gleichermaßen. Wie tiefgreifend sich dieser Grundsatz auf die Körpermotorik auswirkt, erkennt man schnell, wenn man mit dem Üben beginnt. Der starre Bo wird sich mit der Zeit jedoch mehr und mehr leicht und flexibel anfühlen. Seine Bewegung wird im Idealfall, ohne ausschweifende Armbewegungen benutzen zu müssen, äußerst dynamisch durch den eigenen Körperkern angetrieben. Diese Dynamik ist typisch für das Yamanni-Ryu und benötigt intensives Training.

Hartes Holz gab es auf Okinawa zur Genüge, Stahl war schwierig zu beschaffen. Die im Yamanni-Ryu verwendeten Bo sind unkonisch (haben also einen gleichbleibenden Durchmesser), denn es heißt „der Bo soll zwischen den Händen leben“. Konische Bo werden dagegen in den meisten Stilen immer gedrittelt gehalten. Welches Ende des Bo länger und welches kürzer gehalten wird, wird im Yamanni-Ryu je nach den Erfordernissen der Situation fliessend verändert. Die Hände passen die eingesetzte Bolänge der jeweiligen Technik sowie der Distanz zum Gegner fliessend an. Das lange Ende des Bo wird „in den Kampf“ geschickt, so dass man den eigenen Körper weiter hinten halten kann. Hier besteht eine Analogie zur Haltung eines Schwertes. Der Bo wird also nicht permanent durch die Handhaltung in drei gleichlange Teile gedrittelt. Durch das fliessende Handling des Bo kann dieser in Schlag-, Stoß- und Stichtechnik wie ein Schwert, eine Hellebarde oder ein Speer eingesetzt werden. Mit einer aufgesteckten Klinge lassen sich die Schnitttechniken des Kobujutsu veranschaulichen.

Ein weiteres Prinzip des Yamanni-Ryuendet kein Schlag in einer Art eingerasteten Endphase. Der Bo wird sofort wieder einsatzbereit für eine Folgetechnik zurückgezogen oder weiter zur nächsten Technik geführt. Blockt der Gegner einen Schlag erfolgreich, ergeben sich fließend neue Möglichkeiten den Angriff fortzuführen ohne selbst eine Öffnung zu bieten. Durch den Umgang mit dem Bo wird nicht nur die Entwicklung einer besonders flinken und weichen Beinarbeit unterstützt, auch die Faustführung bei Karatetechniken wird positiv beeinflußt. Ein sehr flexibler Körper entwickelt sich, wenn man den starren Bo zu beherrschen lernt.  Durch das Waffentraining wurde zusammen mit dem kampfkunsttechnischen Aspekt einhergehend eine Art “Gerätetraining” für die Ausbildung und Kräftigung der Muskeln und Gelenke geschaffen. Auch die Greifmuskulatur oder »Fingerkraft« wird gestärkt.

Im Yamanni-Ryu verwendete Sai sind nicht so massiv wie in anderen Kobudostilen üblich. Massive Sai, wie sie heute als Standardausführung in den Kampfsportgeschäften erhältlich sind, wurden früher vermutlich eher für das sogenannte »Hoju-Undo« (Krafttrainig) verwendet, jedoch nicht für das Kampftraining. Im Kampf sollten sie leicht zu verbergen und blitzschnell einzusetzen sein. Diese Art von Sai ist also eher leicht und schlank gehalten, was einen sehr dynamischen und flexiblen Umgang erlaubt, ohne dem eigenen Körper durch Überbelastung der Gelenke zu schaden.
So kann man durch Saitraining kräftige und flexible Handgelenke und Arme entwickeln. Die Flexibitlität und die daraus nutzbare Kraft der Handgelenke und Unterarme wird verstärkt. Saitraining wirkt sich somit positiv auf die Effektivität von Schlag- und Blocktechniken des Karate aus. So können auch bei kurzen Wegen der Arme effektive Techniken erfolgen. Eine Überreizung von Gelenken und Muskeln tritt beim Umgang mit diesen Sai somit trotz dynamischer Bewegungsart nicht auf. Die Techniken der Sai-Kata zeigen, wie die Sai unsere Arme und Fäuste verstärken, schützen oder verlängern können. Ursprünglich waren Sai teilweise mit spitzen Enden versehen. Der Großteil der Techniken lässt sich sowohl als Schlag-, Block- oder Wurftechnik einsetzen. Durch Wurftechniken kann der Gegner bereits aus sicherer Entfernung verletzt oder abgeschreckt werden. Fast jede Saitechnik kann als Wurftechnik ausgeführt werden. Besonders, wenn sich ein bewaffneter Gegner näherte, war sicherlich jede Chance willkommen, den Kampf frühzeitig entscheiden zu können. Daher rührt auch der Brauch, drei Sai mit sich zu tragen. So hatte man auch nach einem Wurf noch für jede Hand eine Sai.



Kobudo und Karate,  engste Verwandte.
Das Hiki-Te beschreibt die in der Karate Grundschule und in den Kata und vielen Partnerübungen zur Hüfte zurückgezogene Faust, während der andere Arm eine Technik ausführt. Das Bewegungsmuster eines Karate Fauststosses entspricht dem eines Bo Schlages im Yamnni-Ryu. Die Zusammengehörigkeit des Karate mit dem Kobudo wird nicht nur hier besonders offensichtlich. Hiki-Te ist das grundlegendste Prinzip im Bo Handling überhaupt. Wenn Menschen schlagen (ob mit oder ohne Bo), achten sie meist zu sehr auf den vorgehenden Arm. Dadurch spannen automatisch bremsende Muskeln zeitgleich mit den beschleunigenden Muskeln an. Die beschleunigenden Muskeln arbeiten somit gegen den Widerstand der bremsenden Muskeln. Beim Beispiel des Zuiki arbeiten die Strecker gegen die Beuger. Das Ergebnis ist eine eher gedrückte Bewegung ohne gute, geschweige denn plötzliche Beschleunigung.
Am Geräusch des Bo (aber auch der Sai) auf ihrem Weg durch die Luft erkennt man, wie gut oder schlecht der Muskeleinsatz ausgebildet ist und ob der Körper von Beginn an in die Technik eingebracht wird. Der Zeitpunkt, wann das Geräusch einsetzt, verrät wie plötzlich die Beschleunigung stattfindet. Optimaler Weise beginnt das Geräusch mit dem Beginn der Technik und nicht erst nachdem sich die notwendige Beschleunigung aufgebaut hat (z.B. auf dem halben Weg zum Ziel). Ohne richtig ausgeführtes Hiki-Te mitsamt der zugehörigen Körperarbeit, ist keine plötzliche Beschleunigung des Bo möglich. Viele Theorien ranken sich um die Bedeutung des Hiki-Te im Karate. Ebenso viele Anwendungen gibt es für das Hiki-Te. Seine Basis hat es jedoch bei den Waffen und das Training der Waffen fördert das körperliche und geistige Verständnis für das waffenslose Karate. Karate und Kobudo bilden eine symbiotische Einheit. Von vielen der bekannten Karatemeister um 1920 weiß man, dass diese ebenfalls den Umgang mit dem Langstock (Bo) trainiert haben.

Die symbiotische Einheit des Karate und Kobudo ist eines der markantesten und wesentlichsten Merkmale der okinawanischen Kampfkunst. Hierzu gehört eine bemerkenstwerte Idee. Die Okinawaner flochten die kämpferischen Bewegungen sogar in ihre Volkstänze ein. So beschäftigten sich auch Frauen und Kinder mit Elementen der Kampfkunst, ohne es zu wissen.

 

 

 




In die Kata eingebettetes Bunkai
. Die Kata des Yamanni Ryu bestehen zum großen Teil aus Bewegungen, die man mit den entsprechenden Waffen, aber ebenso unbewaffnet ausführen kann. Kata sind so aufgebaut, dass Sai oder Bo automatisch auch als »gegnerische Waffen« oder »Gegner« fungieren. Sie kommen auf uns zu und unser Körper muss sich beim Vorgehen entsprechend anpassen, um nicht getroffen zu werden.

Ein Beispiel ist die Spitze der zurückkommenden Saigabel bei Ausführung von Zuki mit Sai im Vorwärtsgehen. Die Spitze wird nicht um den Körper herum geführt, sondern der Körper muss schmal vorbewegt werden. Dies fördert das Bewusstsein für Körperkontrolle hinsichtlich Seichusen und Enbusen auch der waffenlosen Karatekata. Ein flexibler Körper soll entwickelt werden, insbesondere eine spezielle Fähigkeit zur Wahrnehmung, Kontrolle, Trennung und getrennten Ansteuerung der Körperhälften und Körperteile. Der Körper soll lernen, nur das zu bewegen, was bewegt werden muß und keine vorzeitigen oder überflüssigen Bewegungen auszuführen. Ein Gegner soll überrascht werden, indem man durch keinerlei überflüssige Anzeichen zeigt, was man tut oder tun will. Die wichtigen Bewegungen sollen verborgen werden, z.B. hinter anderen Bewegungen. Dies wiederum sind grundlegende Fertigkeiten für die Ausübung eines effektiven Karate.

Manche Techniken sehen den eigenen Bo auch als Gegner an, den man sich hilfsweise auch als „länglichen Gegenstand“ vorstellen kann und den es zu bewegen gilt. Dabei wird die Tatsache klar, dass die Kraft, die den Bo bewegt, nicht größtenteils aus den Armen kommen sollte.

Arbeitet man mit dem eigenen Körper und dessen Gelenken nicht präzise, dann bewegt sich auch der Bo eher störrisch und nicht »schneidend« durch die Luft. Analog kann man einen Gegner nicht einfach aus der eigenen Armkraft heraus werfen. Am Weg durch die Luft und am Geräusch des Bo kann man Rückschlüsse auf die eigene Körperarbeit führen. Auch im Karate will man möglichst viel Kraft aus der gesamten Körpermotorik schöpfen und nicht lediglich aus den Armen und Beinen. Das Training mit Bo und Sai hat einen hohen Stellenwert bei vielen alten okinawischen Meistern genossen.


Das Schwert. Für die Shorin Ryu Linie des Karate spielt der Umgang mit dem  Schwert eine wesentliche Rolle und anhand des Sai- und Bohandlings werden die Parallelen deutlich sichtbar (siehe auch – Okinawa-Schmiede des Karate). Auch im Shorin Ryu Karate findet eine Abhärtung des Körpers statt, jedoch liegt der Schwerpunkt auf das Verbergen der eigenen Schwachstellen in der Bewegung und auf der Ausbildung einer ausserordentlich geschickten Beweglichkeit. Ist der Gegner mit einem scharfen Gegenstand bewaffnet, nützt ein abgehärteter Körper nichts. Hier hilft es, die besonders empfindlichen Körperpartien in Angriff und Verteidigung verborgen bzw. geschützt halten zu können sowie den eigenen Körper flink und flüssig bewegen zu können. Das Shorin Ryu Karate ist die Richtung des okinawischen Karate, welche von einem möglicherweise bewaffneten Gegner ausgeht und daher grossen Wert auf Körperdynamik und den Kampf schnell beendende Taktiken und Techniken legt.

 

 

 

 

 

 


Tonfa-Training. Auch weitere Kobudowaffen können trainiert werden, haben jedoch keinen vergleichbar symbiotischen Einfluss auf das Karate, wie Bo oder Sai. Unser Fokus liegt klar auf Bo und Sai.

 

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