Oshiro Karate Dojo Hamburg

 

Faszination Karate…

Agilität, Flexibilität und Dynamik des Tanzes

aufgrund vielfältiger Veränderungen und Stilisierungen, die das Karate im 20. Jhdt erlebte, ist der ursprüngliche Kern dieser fantastischen Kampfkunst heute oftmals nicht mehr klar und sogar vielfach gänzlich anderen Prioritäten gewichen. Karate vereint jedoch hoch effektive Prinzipien der Kampfkunst in jeder einzelnen Haltung und Bewegungsphase mit den lebensfreudigen Elementen des okinawanischen Tanzes. Seine Motorik und Technikvielfalt entspricht gleichsam derjenigen der bewaffneten Kampfkunst Kobudo und sympatisiert im Falle der Shorin Linie sogar mit der japanischen Schwertkunst. Somit reduziert es sich nicht auf wenige Techniken, erstrecht nicht auf den Wettkampf oder den Kampf alleine, sondern bietet einen ganzheitlichen Weg der Aktivität und dem Ausdruck von Lebensfreude. Dies ist das unglaublich wertvolle Werk, welches uns die alten Meister hinterließen. Der Wettkampf spielt beim Karate eigentlich überhaupt keine Rolle, er brachte entsprechende Richtungen des Karate eher um 95% der ursprünglichen Anwendungen und der eigentlichen Vielfalt.

Häufig wird “Kara” mit “leer” im Sinne von nichts in der Hand zu haben übersetzt. Daraus wird gefolgert, Karate und Waffen hätten nichts miteinander zu tun. Diese Annahme ist weit gefehlt! Richtig übersetzt, bedeutet Karate „leerer Geist“. Die Übersetzung im Sinne von nichts in den Händen zu haben, ist eine Fehlinterpretation des verwendeten, japanischen Schriftzeichens. 
Nun sagen manche, es wäre sinnlos mit einem langen Stock zu trainieren, da man ihn im Alltag selten dabei hat. Diese Aussage spiegelt eine mangelnde Einsicht in die Kampfkunst Okinawas wieder. Das Training der Waffen stellt u.a. ein (Geräte-)Krafttraining für das Karate dar, eben weil es motorisch analog zu diesem ist. Trainiert man 20 Boschläge, so stärkt man sich gleichzeitig für 20 Fauststöße, Hebel- oder Wurftechniken. Eben weil die gleiche Motorik so universell eingesetzt werden kann.


Bei uns…

habt ihr die Gelegenheit, die Freude an der asiatischen Kampfkunst zu teilen und das unbewaffnet ausgeführte Karate zu erlernen. Wir trainieren zusätzlich den engen Verbündeten des Karate, das Kobudo. Selbst in der Karateszene ist kaum bekannt, dass Karate und Kobudo erst zusammen den symbiotischen Weg der auf Okinawa entwickelten Kampfkunst ausmachen. Kobudo ergänzt das Karate und das Karate ergänzt das Kobudo, beide zusammen ergeben das größere Ganze. Beide teilen sich die gleiche Motorik. Der Umgang mit den Waffen des Kobudo ist Kampfkunst und zugleich ein perfekt auf das Karate abgestimmtes Gewichts- und Koordinationstraining. Nachdem wir das Karate Anfangsstadium verlassen haben, können wir beginnen, uns auch mit dem Langstock Bo zu beschäftigen. Der Bo kräftigt den gesamten Körper und bereitet auf die Anwendung der Karatetechnik als Stoß, Hebel oder Wurf vor. Später folgen die Sai, deren Training Armmuskulatur und Gelenke kräftigt und noch später evtl. Tonfa, welche die Geschmeidigkeit fördern.

Im Hintergrund des Karate, welches uns vor Schaden schützen soll, steht die Kultur Okinawas. Elemente der Kampfkunst lassen sich in den traditionellen Volkstänzen finden und Elemente der Tänze finden sich im Kern des Karate, seiner Kata. Auch Kinder und Frauen trainierten über das Erlernen der Tänze ganz automatisch bereits Teile der Kampfkunst. Eine äusserst raffinierte Idee, die ich im Kapitel über die Geschichte des Karate beschreibe. So effektiv die Techniken und Tricks für eine Kampfsituation sind, so wunderschön ist diese Bewegungskunst auch abseits des eigentlichen Kampfes. Die okinawanische Bevölkerung ist für ihre Vitalität und Langlebigkeit bekannt. Von jenem Gefühl ist auch ihre Kampfkunst beseelt, eben auch als vitalisierende und gesunderhaltende Bewegungsphilosophie. Hier liegt ein großer Unterschied zu rein auf Effektivität reduzierten Kampfsystemen. Insgesamt bietet sich ein faszinierender Alltagsausgleich, welcher durch die Vielseitigkeit und Abwechslung des Trainings viel Spaß an kämpferischer Bewegung bietet. Wie tief man in die Kunst einsteigt, ist vom persönlich gesetzten Zeitrahmen abhängig. Hält man Körper und Geist fit und geschmeidig, kann man sich bis ins hohe Alter mit der kämpferischen Bewegung beschäftigen.

 

Kampfkunst…

sollte abseits von Stilrichtungsgetue auf Prinzipien beruhen, welche sich die Vorteile der Physik und Natur zu nutze machen und technische Tricks enthalten, um den anderen zu täuschen. Anspannung oder Kraft gegen Kraft oder Schnelligkeit gegen Schnelligkeit sind Prinzpien des Wettkampfes, nicht der Überlebenskunst für jedes Alter und Gechlecht in gefährlichen Situationen. Die flexible und vom Wesen her weiche Peitsche kommt dem ursprünglichen Dynamikvorbild eher nahe. Auf ihrem Weg ist sie kaum sichtbar und ihr kann kaum ausgewichen werden, sie scheint nicht still zu stehen, nicht einzuschätzen oder zu fassen zu sein. Kampfkunst ist eine Mischung aus Selbstschutz, Fitness und Ausgeglichenheit, dient also der Gesundheitsvorsorge. Angesichts der Belastungen und einseitigen Haltungen des modernen Alltags, sind die resultierenden positiven Wirkungen von großem Wert für unsere Gesundheit. Kampfkunsttraining ist bekannt dafür, einen konzentrierten und ausgeglichenen, mentalen Zustand zu entwickeln. Im Alltag sind wir vielen Einflüssen ausgesetzt, die uns nachhaltig belasten können. Die Aggressionsforschung sagt, dass zur effektiven Ablenkung und Neutralisierung negativer Nachwirkungen von Ereignissen, solche Sportarten am besten geeignet sind, die gleichzeitig körperlich und geistig fordern. Die Vielseitigkeit der Bewegungsmuster der Kampfkunst stellt einen wesentlichen Unterschied zu vielen eher einseitig belastendenden oder monoton geprägten Sportarten dar. Karate schützt also auch gegen die nicht gewalttätigen Angriffe, Gefahren und Belastungen des modernen Lebens.

Prinzipien der Kampfkunst müssen in jeder Situation und aus jeder Haltung abrufbar sein. Die charakteristische Fausthaltung an der Hüfte bzw. das Zurückziehen der Faust an die Hüfte ist zum Mysterium geworden, entstammt jedoch auch dieser Idee. Näheres im Kapitel „Prinzipien“. Anhand der vielfältigen Ausgangssituationen der Partnerübungen, lernt man die eigenen Möglichkeiten und die des Gegenübers kennen, welche sich aus Distanz und Haltung ergeben. Dies erfordert wache Augen, Achtsamkeit und einen entspannten Geist.  Mentale Aspekte.

Karate umfasst nicht nur Block-, Stoß-, Schlag- und Tritttechniken für alle Distanzen, sondern auch Ausweich-, Wurf-/ Hebel und andere Manipulations- und Befreiungstechniken. Wohl dosierte Abhärtungsübungen und die kontrollierte Anwendung der Techniken (Bunkai) in Partnerübungen (Kumite) und an Schlagpolstern gehören ebenso zum Training, wie die gezielte Entwicklung der Beweglichkeit der Gelenke, der Koordinationsfähigkeit und der Muskulatur insgesamt.  Karateprinzipien richtig in Haltung und Bewegung integriert, machen stabil und leichtfüßig zugleich. Da die Prinzipien der Krafterzeugung nicht auf reiner Muskelkraft basieren, sind sie auch für Frauen sehr gut geeignet. Genutzt wird beispielsweise die stets wirkende Schwerkraft. Im Gegensatz zur geläufigen Idee, ist hierbei nicht das Beherrschen von Balance und Stabilität wesentlich, sondern das Beherrschen der Unbalance. Diese Beherrschung hilft uns, stets die Natur (Schwerkraft) für unsere Zwecke und gegen den Gegner zu nutzen. Der Einsatz von Techniken der Kampfkunst sollte jederzeit und auf jedem Untergrund möglich sein und nicht einen ebenen Hallenboden oder einen besonders muskulären oder aufgewärmten Körper voraussetzen. So trainieren wir nicht nur barfuß in Turnhallen, sondern auch mal beschuht im Freien. 

 

Für das Training…

spielen Geschlecht und Alter keine Rolle. Jede/r kann in ihrem/ seinem persönlichen Rahmen profitieren. Unsere sympathische Gruppe lädt dazu ein. Die Mitglieder fördern und fordern sich gegenseitig. Mehr über uns. Ist euer Interesse geweckt, dann schnuppert einfach in eine der nächsten Trainingseinheiten kostenlos und ohne Voranmeldung hinein. Leih Bo stehen euch zur Verfügung. Anfänger oder Interessenten anderer Stilrichtungen sind stets willkommen. Erste Fortschritte sind schnell gemacht. Nach und nach entwickelt sich ein bewussteres Gefühl für Körper, Bewegung und Haltung. Verletzungen kamen bisher nicht vor! Auf Kontaktschläge zum Kopf wird im Gruppentraining verzichtet. Das Maß der Trefferwirkung wird ansonsten der körperlichen Kondition des Gegenübers angepasst, so dass eine allmähliche Abhärtung stattfinden kann. Kontaktmöglichkeit und Trainingzeiten.

 

Karate überall…

Wo man auch gerade ist, sogar alleine kann man einzelne Übungen, Sequenzen oder Kata ausführen und einen spürbaren Reset vom Alltag vollziehen. Das funktioniert sowohl in einem Park, jedoch auch im Rahmen einer „Pinkelpause„ während der Arbeit. Hat man viel Platz, nutzt man ihn. Ist der Platz begrenzt, kann man andere Übungen ausführen. Die Vielfältigkeit des Karate und Kobudo fördert das Bewegungspotential aller Gelenke und Muskeln des Körpers! Zusammen mit Kräftigungs-, Dehn- und Koordinationsübungen entwickeln die für die Kampfkunst notwendige Konditionierung des Körpers. Damit bleiben wir bis ins hohe Alter so beweglich und flexibel wie möglich. Auf mentaler Ebene entlastend, können wir wieder runter kommen von den Belastungen des Alltags.



Kobudo, die Waffen des Karate.

Das Kobudo ist das weit weniger bekannte Pendant zum Karate und bedeutet übersetzt   “alter Weg der Waffen”. Die Hauptwaffe und damit das wichtigste Trainingsgerät ist der Langstock (Bo – ca 183cm). Wenn eine gewisse Sicherheit im Umgang mit dem Bo erreicht wurde, widmet man sich zusätzlich dem Training mit den Eisengabeln (Sai). Diese beiden Waffenarten in der Tiefe zu studieren genügt bereits, um zusammen mit dem Karatetraining den gewünschten symbiotischen Effekt zu erzielen. Körperbeweglichkeit, Flexibilität und Muskelkraft werden durch dieses perfekt an das Karate angepasste Gerätetraining optimal fördert. Das Kobudo wurde leider auf dem Weg der Kampfkunst nach Japan in den Schatten gestellt bzw. gänzlich entfernt.

Auch in den waffenlosen Karateformen (Kata) und selbst in den grundlegensten Karateprinzipien finden sich Techniken des Kobudo. Die dem Karate eigentümliche Art des Zurückziehens eines Arms während des Vorschnellens des anderen Arms (das Hiki Te) ist das wesentlichste Prinzip des Schlagens mit dem Bo. Erst wenn man am Bo zieht (Hiki Te) anstatt ihn zu drücken, beschleunigt er mit peitschenartiger Wucht. Der im Karate verbreitete Satz “Denke nicht an den vorstoßenden Arm, sondern an den sich zurückziehenden Arm” rührt daher.

Viele Bo Techniken können 1:1 übernommen als im Karate als Stoß, Schlag, Block, Hebel, Befreiung oder Wurf eingesetzt werden. Hierbei wird der Bo durch den Gegner bzw. dessen Arme ersetzt. Das Bewegungsmuster bleibt gleich. Die Idee in der Ruhe vor jeder Bo Bewegung ist, den Bo durch die plötzliche Beschleunigung der folgenden Technik zu zerbrechen. Ähnlich rapide lassen sich die Techniken dann auch einsetzen, wenn man statt eines Bo einen Arm oder den Körper des Gegners gegriffen hat. Ohne die Waffe als Hilfsmittel, könnte man ansonsten die Anwendungsmöglichkeiten des Karate nie mit vollem Einsatz trainieren. Man kann sagen, die Waffe erhält den Trainingspartner gesund, denn bei der Anwednung mit Partner muss man immer dosieren. Das bewaffnete Ergänzungstraining zum Karate nennt sich “Kiguundo”. Eine raffinierte Symbiose, die aber leider nur in wenigen Karatestilen fortgeführt wurde. Mehr zum Thema Kobudo.

 

Kata täuschen. Was wie ein Block aussieht, ist keiner.

Sich schützen… die Essenz des Karate und seiner Kata

Die senkrechte Linie entlang der Körpermitte (Augen, Kiefer, Nase, Hals, Herz, Solar Plexus, Genitalbereich) besteht aus unseren empfindlichsten Körperpartien und wird Seichusen genannt. Karate tut mit jeder Haltung und Bewegung alles, um diese Linie im Stillstand aber auch in der Bewegung zu schützen – also dem sie dem Gegner nicht frontal und damit direkt zugänglich zu präsentieren. Werden diese Vitalpunkte direkt getroffen, ist eine empflindliche Trefferwirkung sicher. Viele andere Vitalpunkte, die in einer Trainingssituation gute Wirkung zeigen, sind bei einem unter Drogen oder einfach nur unter Adrenalin stehenden Gegner kaum mehr wirksam.

Karate lehrt uns den Zugang zu unserem und dem Körper des anderen zu beherrschen. Wir wollen, außer zum Zwecke der bewussten Täuschung, keine Lücke zu unseren Schwachstellen entblößen, in die der Angreifer direkt vordringen könnte. Das alte Karate kennt keinen Block-Konter Rhythmus. Kann man dem Angriff nicht anderweitig entgehen, muss dem Angreifer die Initiative sofort abgenommen und der Kampf beendet werden. Manchmal wird ein populäres Prinzip “Ikken Hissatsu” zu sehr darauf bezogen, in der Lage zu sein, mit einem Schlag “töten” zu können. Das führt dazu, dass der Fokus auf einen einzelnen Schlag übereuphorisiert wird. Dieser Gedanke geht auf den Schwertkampf zurück, jedoch ist die Idee für das Karate eher im Grundsatz “Mit einer Aktion den Kampf zu beenden” zu finden. Dies kann durchaus eine kurze Aneinanderreihung von Techniken sein, vom Schlag bis hin zum gleichzeitigen Eindringen in die Stellung des Gegners und des zu Boden bringens. Die alten Kata sind entsprechend voll mit eindringenden Aktionen und Prinzipien, welche dieses Eindringen für den sich Wehrenden so ungefährlich wie möglich, für den Aggressor jedoch so gefährlich wie möglich zu gestalten.

Auch manchmal propagierte Regeln von einem “ersten Block”, mit dem Kata oder Sequenzen beginnen würden sind ihm fremd. Eine rein defensive, womöglich auch noch im Rückwärtsgang stattfindende Aktion, bringt im Angesicht eines unausweichlichen und brutal beginnenden Aktes physischer Gewalt nur Nachteile mit sich. Die Kata als unsere Basis warnt davor deutlich, denn in der Kata gehen wir in der Regel direkt oder in bestimmten Winkeln vor, nicht jedoch zurück. Leider wurden in der Moderne viele Karatechniken zu Blocktechniken modifiziert (Karate im Schulunterricht ab 1905 und später Verbot aggressiver Kampfkünste durch die USA), so dass es scheint, man würde zunächst rein defensiv agieren. Jede Aktion im (alten) Karate und in seinen Kata trägt einen Angriff in sich, der das Potential hat, dem Gegner die Angriffsinitiative sofort abzunehmen. Über die folgeträchtige und moderne Entscheidung, dass Karate mit einem Block beginnen müsse, schreibe ich hier (2. Regel Funakoshis “karate ni sente nashi”) mehr. Da das Karate in den Unterricht okinawanischer Schulen eingeführt wurde, noch bevor es zur Hauptinsel Japan gelangte, wurden bereits um 1905 deutliche Veränderungen des öffentlichen Karate eingeführt. Wer die ursprüngliche Idee von Seichusen und Enbusen zu beherrschen lernt, versteht den Kern des alten Karate, erkennt den Sinn der Kata und Haltungen und auch die dahinter stehende Lebensphilosophie. Enbusen, Seichusen und Kata.

 

Kata – Bücher für Körper und Geist…

Körper und Geist werden durch die Vielfältigkeit der Bewegungen und des in praktische “Formen gepackten Wissens” in einer Tiefe angesprochen, wie es kein gewöhnlicher Sport, keine gewöhnliche Gymnastik zu leisten vermag. Kata stellen die auf praktische Weise zu erfahrende Theorie des Karate dar. Diese Methodik des Lernens ist es der östliche Weg dessen, wie wir uns im Westen theoretisches Wissen durch das Studieren von Büchern aneignen. Kata gehen dabei sofort über die Theorie hinaus, da in ihren Bewegungen ein imaginärer Gegner immer präsent sein sollte. An diesem Gedanken muss sich die praktische Ausführung einer Kata messen lassen. Kata stellen somit einen aussergewöhnlichen Weg des Lernens dar – sofern sie nicht diesem ursprünglichen Sinn entfremdet wurden. Letzteres geschah durch eine Euphorisierung des Wettkampfgeschehens und der Konzentration auf die Ausbildung jüngerer Athleten, nachdem das modernisierte Karate sich in alle Welt verbreitete und beeinflusst viele Stile bis heute. Unser Weg führt zurück zu den Wurzeln des Karate als ausgeklügelte und vielseitig nutzbare Kampfkunst. Über das Medium Kata kann uns das Karate ein Bewustsein für unsere Schwachstellen und ihren Schutz in der Bewegung vermitteln. Gleichermaßen können wir ein Gespür für das Erreichen der Schwachstellen des Angreifers entwickeln. Dabei setzen wir alle Körperpartien ein, um ihn anzugreifen und gleichzeitig zu kontrollieren. Der Fokus auf Armtechniken ist dabei nicht genug. Wesentlich ist außerdem, wie kontrolliere ich gleichzeitig seinen Stand durch meine Stellung. Derart umfassend gedacht, entwickeln die Techniken der Kata viele Möglichkeiten, egal wie die Distanz zueinander gerade ist.

 

Mehr als nur Sport, viel mehr als Wettkampf.

Vielen Menschen kommen Bilder laut schreiender und vor Anspannung bebender Athleten in den Kopf, wenn sie an Karate denken. Dazu beigetragen hat die Eigenart großer Karateverbände, sich zwar die Publikmachung sämtlicher Karatearten auf die Fahnen zu schreiben, Titelseiten ihrer Magazine jedoch idR. mit siegreichen Wettkampfathleten zu verzieren. Das euphorische Feiern des siegreichen Wettkämpfers steht im Gegensatz zum oftmals an anderer Stelle hoch gehaltenen Grundsatz, wonach es im Karate nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um die Vervollkommnung des eigenen Charakters gehe.
Diese Gedanken sollen jedoch nicht die Bedeutung des Karate als Wettkampfsport für junge Menschen schmälern. Hierbei handelt es sich jedoch um einen modernen Abkömmling des alten Karate, nicht um eine Weiterentwicklung. Das alte Karate ist eine Kampfkunst, weit entfernt von Show oder Wettkampf. Kampfsport als Wettkampfform und die alte Kampfkunst haben geradezu gegenteilige Ansätze. Im Wettkampf gibt es Regeln, ebenen Hallenboden, Gewichts- und Altersklassen, der 2. Platz ist feiernswert. Es gilt Schnelligkeit gegen Schnelligkeit oder Kraft gegen Kraft zu testen entsprechend fairer Kampfklassen und Techniken. Bei einer im Wettkampf vorgeführten Kata  zählen äußerlich sichtbare Kraft und heroisch anmutende Haltungen. Kampfrichter sollen das Geschehen bewerten können. Im Falle von Show-Vorführungen, soll sich das Auge des Zuschauers erfreuen. Konträr dazu ist die reale Konfrontation zu sehen, die bei der ursprünglichen Entwicklung des Karate im Mittelpunkt stand. Hier gibt es keine Regeln, kein Verzicht auf Waffen, keine festgelegten Gewichts- oder Altersklassen, jede noch so kleine Bewegung oder auch „nicht-Bewegung“ ist wichtig. Nahezu alle Techniken zielen zu empfindlichen Körperregionen und wären im Wettkampf verboten. Es gilt die eigenen Aktionen, die Kraftentwicklung und Dynamik zu verbergen. Die Kraftentwicklung soll innerlich stattfinden, der Technik dennoch überraschende Effektivität verleihen. Lernten wir wettkampfbeeinflusst nur 2-3 Körperregionen (Kopf, Bauchmuskulatur) anzugreifen, dann nutzten wir 95% der Möglichkeiten, die uns die Kata anbieten überhaupt nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass uns ein Angreifer an Gewichtsklasse und äusserer Kraft überlegen ist. Die Lage erscheint daher für uns zunächst aussichtslos. Ansonsten würden wir nicht in das Opferbild des Angreifers passen. Aufgrund dieser zunächst unfairen Ausgangslage, sind wir darauf angewiesen, ausgetüftelte Tricks und Körpermotorik einzusetzen. Diese sind im alten Karate enthalten, jedoch fern aller Wettkampfregularien – ganz genau so wie die Situation, mit der wir uns konfrontiert sehen.