Geschichte des Karate

Die Fähigkeit, sich zu wehren, trägt jeder Mensch in sich (okinawanisches Sprichwort)

 

Oki Nawa

Okinawa. “Oki” hat die Bedeutung “Meer” und “Nawa” kann mit “Schnur” über­setzt werden. Eine Schnur ist lang und schmal. Genau so ist auch die Insel­­gruppe um die Hauptinsel Okinawa geformt, die wie eine Perlenkette zwischen Japan und China im Pazifik aufgereiht ist. Früher wurde die Inselgruppe Ryukyu oder auch Loo Choo genannt. Die Breite Okinawas beträgt zwischen 5 und 25 km während die Länge etwa 100 km entspricht. Die Inseln reichen von Kyushu bis nach Taiwan und trennen an dieser Stelle den Pazifik vom Ostchinesischen Meer.

Die gebräuchlichsten Waffen der Krieger Okinawas zur Zeit der ersten Sho-Dynastie (1409-1469) waren das Schwert und der Speer. Bis zu dieser Zeit waren die Okinawa zugehörigen Inseln ständig in Kleinkriege und Fehden verwickelt.

(Kara-) Te wird selbst in Volkstänzen sichtbar bzw. Elemente der Tänze wurden ins sich entwickelnde Karate integriert.

Der Umgang mit dem Kampf hat sich also prägend auf die Kultur ausgewirkt. Seit etwa dem 7. Jhdt entwickelte sich auf Okinawa mit der Te (okinawisch »De«) genannten Kampfkunst bereits eine native Form des Zweikampfes. Das Te zeichnet sich im Gegensatz zum To-de durch weitläufige, kreisende Bewegungen aus während das To-de die direkte Linie sucht. Besonders die Motobu Familie hat nach eigenen Angaben über den 1926 verstorbenen Motobu Choyu die Kunst des Te bewahrt. Nach Choyuns Tod hat Uehara Seikichi den Stil fortgeführt und etwa 1945 “Motobu-Ryu” benannt. Es gibt allerdings Zweifel daran, ob tatsächlich das alte „Te“ bewahrt wurde oder nicht doch weitreichende Veränderungen stattfanden.

Man sieht Bewegungsprinzipien des Karate und des Te in verschiedenen okinawischen Tänzen. Hieran läßt sich die tiefe Verwurzelung der Kampfkunst in die okinawischen Kultur erkennen. Prinzipien der Bewegungsart der Kampfkunst derart in die eigene Kultur aufzunehmen, dass sich fast jeder bewusst oder unbewusst damit beschäftigt, ist eine sehr originelle Idee. Wer sich so später für den Weg der Kampfkunst entschied, war bereits in gewisser Weise vorbereitet. Die Tänze trainieren u.a. das Setzen der Füße, das Halten des Körpers, Prinzipien des Chinkuchi und Gamaku. Wer die Tänze genau beobachtet, kann Mechanismen des Karate besser verstehen. Viele Tänze erzählen Geschichten. Ebenso erzählen die Kata des Karate vielleicht Geschichten über bestimmte Meister und deren wirksamste Techniken – wenn man diese Techniken denn versteht.

Der bewaffnete Kampf wurde natürlich besonders ausgefeilt und Prinzipien anhand der Er­fah­run­gen auf Kriegsschauplätzen und Stammesfehden verfeinert. Die zweite Sho-Dynastie dauerte von 1470-1879.

Zur Zeit dieser zweiten Sho-Dynastie geschahen die beiden Ereignisse, die später offenbar irrtümlich zu den beiden strikten Waffenverboten aufgebauscht wurden, aus denen letztlich das Karate hervorgegangen sein soll.

 

Shorin- und Shorei-Ryu…

heißen die beiden ursprünglichen Karatelinien, welche aus der einheimischen Kampfkunst “Te, Ti oder Di” genannt (Hand) entwickelt wurden. Dazu kombinierten die okinawanischen Meister ihr Wissen um das Te mit den sogenannten harten und weichen, äusseren und inneren chinesischen Kampfstilen (insbesondere Sakugawa Tode) und den Künsten japanischer Samurai (insbesondere Matsumura Sokon).

Okinawa pflegte bereits Handelsbeziehungen mit China, lange bevor es auch mit Japan anbandelte. Vorher betrieb Japan lange Zeit eine Politik der Isolierung von anderen Ländern. Die Entfernung Okinawas zur Hauptinsel Japan ist in etwa gleich der zu China. China ist der Geburtsort der Kung-Fu oder Wushu Kampfstile.

Es bildeten sich die vier nahegelegenen Ortschaften Shuri, Tomari, Naha und Kume als Entwicklungszentren des Karate und Kobudo heraus. In den gängigen Aufzählungen wird Kume oftmals nicht genannt, jedoch ist es ein bedeutsamer Ort. Im Austausch der Meister dieser Orte entstanden nur zwei Richtungen des Karate. Zum einen das Shorin Ryu mit starker Verbindung zum flinken und wendigen bewaffneten Kampf/ Kobudo und Prinzipien des japanischen Schwertes. Zum anderen das Shorei Ryu, welches chinesischen Stilen deutlich nahe blieb und starken Wert auf Abhärtung des eigenen Körpers und fest verwurzelte Stände legt. Da die Shorin Linie Angriffe mit scharfen Schneiden ebenbürtig mit unbewaffneten Angriffen in ihre Konzeptüberlegung einbezieht, legt sie Wert auf leichte und wendige Bewegungen und Stände, welche durch stetes brechen der Balance unverwurzelt dynamisch sind. Da man seinen Körper nicht gegen Kingenwaffen abhärten kann, stehen das Enbusen der Kata als schmale Linie und entsprechend abgedrehte Haltungs- und Dynamikprinzipien (Hanmi) im Vordergrund des Shorin Ryu Trainings. Unsere Karaterichtung Shorin-Ryu hat ihre Wurzeln in Shuri und Tomari. Durch den Einfluß chinesischer Kampfkünste und unter Einbeziehung von bereits bekannten und erprobten Prinzipien aus dem japanischen Schwertkampf und einer bereits bestehenden waffenlosen Kampfkunst, fand die Entwicklung der Kampfkunst statt, aus der auch die modernen Ausläufer des modernen Ausläufer des Karate entstanden.

 

Das Monument zu Ehren der 36 chinesischen Familien mit deren Namen im Ort Kume.

Chinesische (Kampf)kunst gelangt nach Okinawa. Um 1400 siedelten chinesische Familien nach Okinawa um. Sie werden die »36 Familien« genannt. Ihnen zu Ehren ist auch heute noch ein schiffsförmiges Monument aus Stein auf Okinawa zu finden. Dieses Monument trägt die 36 Wappen dieser Familien und steht im ehemaligen Ortsteil Kumemura nahe eines ebenfalls extra angelegten chinesischen Gartens. Hier wurde ein Teil des Zentrums Okinawas für die chinesische Kultur bereitgestellt und der Austausch zwischen Chinesen und Einheimischen optimiert. Die Chinesen sollten ihre Kultur und damit einhergehend auch chinesische Kampfkunst mit nach Okinawa bringen. Regelmäßig fanden in Kumemura wissenschaftlich und künstlerisch angelegte Übungen und Vorführungen statt. Es gab dazu sogar Programmhefte von denen eines aus dem Jahre 1867 noch erhalten ist. In ihm findet sich die vielleicht erste schriftliche Bezeichnung, welche mit „To De“ bzw. „Karate“ zu lesen ist. Auch Kata waren im Programm enthalten und sind beispielsweise mit „108 Schritten“ bezeichnet.

Es gibt einen Bericht, nach dem während des “Kiyari” Festes am Schloss Shuri Kampfkünstler aus Kumemura die Kata Kushanku und Passai vorführten. Dieses Fest geht auf die Renovierung eines Palastes des Schlosses zurück, welcher aufgrund der verwendeten Holzart regelmäßig erneuert werden musste. Es dürfte sich um den Nordpalast “Hokuden” gehandelt haben, der zu Ehren der chinesischen Gesandschaften errichtet worden war. Verwendet wurde chinesisches Holz, welches mit dem okinawanischen Klima zu kämpfen hatte. Wer versucht, das alte Karate in Stile und Meister-Schüler Linien fest zu legen, dessen Arbeit wird durch derartige Berichte erschwert. Kumemura gilt als Inbegriff für die chinesisch geprägte Richtung Shorei Ryu des Karate. Warum führen Kampfkünstler aus Kumemura dann Kata des Shorin Ryu vor? Warum passen schon alleine die Altersangaben von oft publizierten Meister-Schüler Linien so oft nicht zusammen? Oftmals ist ein Meister bereits im hohen Alter und sein Schüler (als Fortführer der Linie) bei dessen Tod wenn überhaupt im Jugendlichenalter war.

 

Gedenkstein zu Ehren der Sensei Miyagi und Higaonna in Kume.

 

Das Bubishi…

Wahrscheinlich über diese Chinesen gelangte ein bedeutendes Buch über die chinesische Kampfkunst und die Medizin (das Bubishi) nach Okinawa und auch in die Hände der dortigen Meister. Die 32 Kapitel des Bubishi behandeln nicht nur Kampftechniken, sondern auch den menschlichen Körper, dessen Vitalpunkte sowie medizinische Aspekte der Heilung.

Anderen Berichten nach, kam das Bubishi jedoch über Higaonna Kanryo nach Okinawa, nachdem dieser es während seines Aufenthalts in China um 1865 bei seinem Lehrer abschreiben durfte. Im Park von Kume befindet sich ein Ehrenstein, welcher chinesische Schriftzeichen und Figuren zeigt. Die Figuren stammen aus dem Bubishi. Es ist ein Gedenkstein zu Ehren der beiden Sensei Miyagi und Higaonna. Auf sie geht das stark chinesisch geprägte Goju Ryu Karate der Shorei Ryu Linie zurück. Links in klein gehalten ist die Signatur des Steinmetzes. Die chinesischen großen Kanji besagen, dass dieser Stein hoch gestellten (Schicht) Menschen von absolut exzellenter Fertigkeit gewidmet ist. Eine Ehrung, welche man sich auf dem eigenen Grabstein nur wünschen konnte. Es gibt Berichte zweier weiterer Schriften, die offenbar nicht zum Bubishi gehören. Diese sollen auf den indischen Mönch Dharuma (Bodhidharma) zurück gehen, der sie dem Shaolin Tempel hinterließ. Dharuma gelangte um das Jahr 500 nach China zum Shaolin Tempel und lehrte dort den Buddhismus.

Chinesischer Garten in Kume nahe dem Monument

Er lehrte die Mönche eine Form der kampfkunstbasierten Methodik, um sie körperlich und mental stark zu machen, damit sie die langen Meditationen durchhalten, gesund bleiben und wahrscheinlich auch den Tempel im Notfall verteidigen können. Diese Schriften heißen “Ekkinkyo” und “Senzukyo” und beziehen sich auf äußerliche Aspekte der Kampfkunst, Abhärtung und Stärkung, sowie auf tief ins Innere (Knochen, Gelenke und Sehnen optimierende) des Körpers wirkende Übungen. Man kann davon ausgehen, dass sie die Basis des Shaolin Kung-Fu und des Qi-Gong darstellen. Texte aus diesen Büchern existieren auch heute noch und verschiedene okinawanische Meister um 1900 verwendeten Auszüge in ihren Schriften. Die Namen der Kata zeigen den Einfluß chinesischer Kampfkünstler auf das Karate auf. Es sind Namen wie Chinto (moderner Name Gangaku), Kushanku (Kanku), Wanshu (Enpi). Die chinesischen Kampfkünste hatten den waffenlosen Kampf bereits sehr weit entwickelt. Das chinesische Schriftzeichen für »Wu« (von Wu Shu, japanisch »Bu«) bedeutet soviel wie »stoppe Waffen (Lanzen)« in einer weiteren Bedeutung, einen Kampf direkt zu beenden oder aber abwenden zu können. Viele chinesische Lehrer bekräftigen mit dieser Erklärung auch einen »pazifistischen« Charakter ihrer Kampfkunst. So ist es demnach das Grundziel einer Kampfkunst, den physischen Kampf zu vermeiden oder bereits im Keim zu ersticken.

Kein Kampf als Ideal.

So kann man es auch als Grundidee des traditionellen Karate betrachten, dass ein für beide Seiten gefährlicher Kampf sofort beendet werden, oder besser noch, gänzlich vermieden werden sollte. Der Oberbegriff für chinesische Kampf­künste  »Wu Shu« ist relativ modern und wird in China oftmals lediglich mit Bezug auf die modernen und aus den klassischen Kampfstilen abgeleiteten Kampf­sport­arten gebraucht. In nicht so sehr staatlich beeinflussten Gefilden wie Taiwan wird eher von Gong Fu oder Quan Fa gesprochen. Gong Fu bedeutet »Zeit, Energie« und »Arbeit« und beschreibt den Umstand, dass viel Zeit und Mühe investiert werden muß, um ein körperliches und geistiges Verständnis für die Techniken, Prinzipien und der Motorik der Kampfkünste zu erlangen. Quan Fa kann man als die »Methode der Faust« oder einfach Fausttechnik übersetzen. Während sich Gong Fu nicht allein auf das Meistern der Techniken der Kampfkünste bezieht, so ist der Begriff Quan Fa nur für diese reserviert. Nach Japan importierte Quan Fa Stile finden sich dort unter dem Sammelbegriff »Kempo« wieder.

 

Die 3 Königreiche…

Die Ryu Kyu Inseln (heutiges Okinawa) waren um 1400 in die drei Königreiche

In das Hauptgebäude des Shurijo gingen lediglich der König oder chinesische Oberhäupter direkt hinein.

Hokuzan, Chuzan und Nanzan zersplittet. Alle drei Reiche betrieben Handel nach Übersee. China betrieb als Reich der Mitte einen regen Tributhandel. In China Handel treiben zu dürfen, vereinfachte das Leben. So war es auch dieser Kampf um die Vormachtstellung in Handelsangelegenheiten, welcher immer wieder zu Stammeskämpfen führte. Ryu Kyu gelang es sogar, eine Funktion als Interimshändler zu bekommen und wurde so sehr wertvoll für viele asiatischen Länder, die dadurch Handel mit China betreiben konnten.

König Sho Hashi kam 1422 auf den Thron. Er vereinigte die drei Reiche und legte den Grundstein für das Königgreich Ryu Kyu. Er ließ das Schloss Shuri (Shurijo) erbauen. Um 1429 legte er das Kapitol und die Verwaltung in das Schloß und war damit den größten Handelshäfen in Tomari und Naha sehr nah.

Zum Schutz vor den immer drohenden Angriffen durch Piraten (Waka), mußte zu den Schiffsbesatzungen auch immer in der Kampfkunst ausgebildetes Personal gehören. Auf Okinawa hat das heute überall bekannte Karate etwa ab dem 18. Jahrhundert begonnen, seine Gestalt anzunehmen. Eine der wichtigsten Kata des Shorin-Ryu, die Kushanku, wurde nach diesem chinesischen Lehrer benannt. Sakugawa Kanga (auch Tode -China Hand- Sakugawa, ca 1733-1815) war Schüler Kushankus oder von dessen Schüler Chatan Yara. Sakugawas bekannte Schüler waren Okuda, Makabe und Matsumoto. Matsumoto erhielt das “Menkyo Kaiden” und damit das Stilerbe. Makabe und evtl. auch Sakugawa selbst unterrichteten Matsumora Kosaku aus Tomari und den für die Shorin Linie bekannten Matsumora Sokon (ca 1800-1898). Aufgrund der Geburts-/ Sterbedaten von Sakugawa und Matsumura, ist ist es kaum wahrscheinlich, dass Sakugawa der hauptsächliche Einfluss auf Matsumura war. Sakugawa verschmolz das native Te (Di) mit dem chinesischen (To) Kung Fu zu einer Kampfkunst und erhielt die anerkennende Titulierung “Todi Sakugawa”. Matsumura entwickelte hieraus unter Einbeziehung der Prinzipien japanischer Samurai das Shorin-Ryu.

Oshima Hikki (1763)

Zu den wenigen schriftlichen Zeugnissen dieser Zeit gehören von Tobe Yoshihiro um 1762 verfasste Berichte. Es sind Interviews mit der Besatzung eines Schiffes, welche auf dem Weg nach China war, jedoch auf Okinawa strandete. Die Zusammenfassung wird Oshima Hikki (Aufzeichnungen der großen Insel) genannt und in ihnen befindet sich auch ein Interview mit einem Seemann, der den Namen Kushanku erwähnt. Demnach erreichte Koshankin (Kushanku) begleitet von einigen Schülern Okinawa in einem chinesischen Handelsschiff einige Jahre bevor Tobe seine Aufzeichnungen nieder schrieb. Die Kushanku Kata ist heute in verschiedenen alten und neueren Versionen erhalten und diese prägen das Shorin Ryu Karate.

 

Die Samurai…

Der Kampfstil der Shimazu Samurai nennt sich “Jigen-Ryu”. Besonderes Merkmal des Stils ist das Augenmerk auf die Beendigung des Kampfes mit einem Hieb. Die Samurai entwickelten einen sehr speziellen Schwerthieb, den sie »Flammenwolke« nannten. Dieser Hieb war Grundlage des Trainings und wurde auf Wucht und Schnelligkeit perfektioniert, so dass es kaum mehr möglich war, ihn abzuwehren. Gegnerischen Samurai soll beim Versuch, den Schwerthieb der Satsuma zu blocken, das eigene Schwert tief in die Haut gedrückt worden sein. Selbst ein Versuch auszuweichen war schwierig, denn das Schwert des Samurai schoss wie ein Blitz aus dem Himmel nach unten aus der ge­ho­benen Haltung mit der Schwertspitze in Richtung Himmel.
Das Shorin-Ryu Karate sowie das Yamanni Ryu Kobudo zieht die Unmöglichkeit des Blockens eines sehr gut trainierten und bewaffneten Gegners in Betracht und legt daher sehr viel Wert auf eine schmale Körperhaltung, so wie auch auf eine dynamische Beweglichkeit aus der heraus Angriffe erfolgen. Weil ein Abhärten des Körpers gegen Waffen (insbesondere natürlich Schnittwaffen) nicht möglich ist, liegt ein großer Trainingsschwerpunkt auf der Beweglichkeit und des Umgehens von Angriffen während man selbst angreift. Ein reines Blocken wird vermieden, da dieses selbst im Erfolgsfall keinen direkten Vorteil bringt. Ein aggressiver Gegner stoppt seinen Angriff nicht aufgrund eines erfolgreichen Blocks und es wird umso schwieriger, ihm die Angriffinitiative abzunehmen, je länger die Auseinandersetzung dauert.

Allen (modernen) Gerüchten über Waffenverbote zum Trotz, hatten okinawanische Meister wie Sokon »Bushi« Matsumura im 19. Jh. die Erlaubnis, den beschriebenen Schwertkampfstil in Satsuma zu lernen. Auch Funakoshi Gichins Lehrer, Anko Asato übte sich im Umgang mit dem Samuraischwert. Dies sind Tatsachen, die an einer Schreckensherrschaft der  Shimazu-Samurai aus dem japanischen Satsuma zweifeln lassen. Das Prinzip des »Tötens mit einem Schlag — Ikken Hisatsu« pflanzte sich in das okinawisches Karate fort, indem effektive Techniken entwickelt werden sollen und ein Kampf möglichst schnell beendet werden soll. Sokon Matsumura zeigt sich für die Entwicklung des Shuri-Te Stils verantwortlich, welcher Grundlage für das Shorin-Ryu und sehr viele moderne Karatestile ist.


Mythos Waffenverbote und Karate…

Viele Buchautoren schreiben über die Eroberung Okinawas durch Samurai, über brutale Jahrhunderte und über ein in Okinawa verhängtes  Waffenverbot. Diese Waffenverbot wird für die Entwicklung des Karate verantwortlich gemacht. Daraus entstanf die Geschichte des waffenlosen Volkes, welches sich gegen bewaffnete Samurai wehren konnte. Menschen mögen abenteuerliche und mythische Geschichten und erzählen sie gerne weiter. Einige okinawanische Meister mutmaßten in ihren Büchern über die oben genannten Ereignisse und folgende westliche Buchautoren übernahmen diese Schilderungen. Manchmal wird geschrieben, dass in Karate und Kobudo versierte Bauernarmeen halfen, dem Angriff der Samurai zu trotzen.

Das erste sogenannte  “Waffenverbot” ereignete sich zur Sho-Shin Zeit (1477-1526). Es handelte sich dabei um eine Maßnahme der zentralen Regierung unter König Sho Shin, der 1477 auf den Thron kam. Diese Maßnahme galt der Beseitigung des historisch bedingten “Drangs verschiedener Stämme gegeneinander zu kämpfen” und der Festigung eines friedvollen Lebens der 3 Königreiche Chuzan, Nanzan und Hokuzan miteinander. Zuvor waren diese drei gesplitteten Königreiche der Ryu Kyu Inseln mit­einander zerstritten und bekriegten sich immer wieder. König Sho Hashi gelang zuvor die Vereinigung der drei Königreiche. Es handelte sich bei König Sho Shins Erlass um eine Umsiedelung der Kriegerklasse um das Gebiet des Königssitzes (Schloss Shuri) herum und um eine bessere Kontrolle der bis dahin unkontrolliert über die ganze Insel verstreut gehaltenen Kriegswaffen zu bekommen. Schließlich wollte man ein Wiederaufflammen von Aufstandsszenarien verschiedener Clans verhindern. Das Schloß Shuri befindet sich nahe der Hafenstadt Naha. Diese wurde immer wieder durch Piraten (Waka) angegriffen und war ein strategisch wichtiger Ort, der die Präsens einer Armee zur Verteidigung erforderte. Die offizielle Armee und die Sicherheitsorgane des Königs konnten sich natürlich frei im Waffentraining üben und besaßen Waffen. So friedlich, wie oft zu lesen ist, war es auf Okinawa sicherlich nicht. Der Historiker Iha Fuyu (1876-1947) unterlag einer falschen Übersetzung des Textes über Errungenschaften, den König Sho Shin auf eine Steintafel schreiben ließ. Es ist anzunehmen, dass aufgrund seiner Veröffentlichung falscher Aussagen wie “Okinawaner machten aus ihren Waffen nützliche Werkzeuge”, das Gerücht über die Abschaffung der Waffen auf Okinawa entstand. Der Historiker Nakahara Zenchu entdeckte später diesen Irrtum und machte ihn publik. Da hatte sich das Gerücht jedoch bereits schon weit verbreitet. Das Vorhandensein einer bewaffneten Armee ist alleine dadurch schon bewiesen, dass Okinawa sich den 1609 einfallenenden Shimazu Samurai entgegen stellte und die Kämpfe über einen Monat andauerten. Auf das Gerücht der sich den Samurai unbewaffnet entgegen stellenden, bäuerlichen Karateka, müssen wir vermutlich nicht mehr eingehen.


Auch war es auf Okinawa Brauch, ein Familienschwert zu besitzen. Diese Familienschwerter wurden den Okinawanern erst von den amerikanischen Besatzern nach dem zweiten Weltkrieg entwendet. Geschichten in Karatebüchern, dass ein Dorf während der Samuraiherrschaft lediglich ein bewachtes oder angekettetes Messer benutzen durfte, sind also vermutlich Übertreibungen. Es gibt Vermutungen, dass die Amerikaner diejenigen waren, die nach ihrem Sieg im zweiten Weltkrieg durch ihre Sammelsucht nach japanischen Schwertern, den Okinawanern sämtliche Schwerter »entrissen« haben. Dieser Umstand hat sich dann fälschlicher Weise in Überlieferungen auf die Samurai aus Satsuma übertragen. Demnach könnten es auch die brutalen Erlebnisse des zweiten Weltkrieges gewesen sein, die fortan das kollektive Denken der Okinawer dahingehen beeinflusst haben, dass sie sich wünschten friedfertig und ohne Waffen auszukommen bzw. in der Vergangenheit ausgekommen zu sein.

Ein zweites Mal wurde angeblich nach der erfolgreichen Invasion der aus Satsuma stammenden Shimazu-Samurai (1609), durch diese ein strikteres Waffenverbot verhangen und dessen Einhaltung strengstens überwacht. Zudem soll eine lange Zeit der brutalen Herrschaft über die okinawische Bevölkerung hereingebrochen sein, welche diese veranlasste, sich insgeheim zu organisieren und die unbewaffnete Kampfkunst Karate zu entwickeln sowie landwirtschaftliche Gegenstände in Waffen zu verwandeln.

Der Konflikt Okinawas mit Japan und speziell den Samurai aus Satsuma ereignete sich zur Zeit des Königs Sho Nei, welcher von 1589 bis 1621 regierte. Etwa 1440 begann Okinawa Handelsbeziehungen zu Japan zu pflegen, welche historischen Schriften folgend mit einem Geschenk Okinawas an Japan in Form von Goldmünzen begann. Zu dieser Zeit waren in Japan hauptsächlich Kupfermünzen üblich und Goldstaub mußte aus China bezogen werden. Daher war dieses Geschenk herzlich willkommen. Zur japanischen Provinz Satsuma pflegte Okinawa in der Folgezeit besondere Beziehungen. Zu Anfang des 17. Jhdt verschärften sich allerdings die Beziehungen zwischen Japan und China und bewaffnete Konflikte kündigten sich an.

Ein Minister (Jana) des damaligen okinawanischen Königs, wollte unbedingt die seit Jahrhunderten bestehenden, guten Beziehungen zu China aufrecht erhalten. Okinawa sollte Japan nicht im Kampf gegen China unterstützen. Jana brachte den König offenbar sogar dazu, den Kontakt zu Japan abzubrechen. Der Fürst der Samurai aus Satsuma (Shimadzu Iyehisa) schickte daraufhin verwundert einen Gesandten nach Okinawa, um in Erfahrung zu bringen, was vor sich geht. Minister Jana wiederrum war es, der die Gesandschaft aus Satsuma, ohne eine Erklärung abzugeben, mit deutlicher Respektlosigkeit zurückwies. Daraufhin machte der japanische Shogun den Samurai aus Satsuma alle Wege frei, sich die Herrschaft über Okinawa erobern zu können. Der Einmarsch der Samurai geschah im Jahr 1609. Nach siegreicher Beendigung der Kämpfe verhafteten die Satsuma Samurai den okinawischen König sowie Minister Jana und eine weitere Person und brachten sie für eine kurze Zeit nach Satsuma. Dort wurde vertraglich geregelt, dass Okinawa von nun an unter die Herrschaft der Satsuma fällt und keine eigenen Wege mehr ohne Erlaubnis gehen kann. Minister Jana war der einzige, der es wagte, diesen unangenehmen Vertrag nicht zu unterschreiben. Daraufhin wurde er schließlich enthauptet.

Die Kontrolle der Satsuma Samurai über Ryu Kyo, brachte das Königreich selbstverständlich in eine vertrackte Situation, war es doch ebenfalls China gegenüber tributpflichtig. China und Japan waren sich bereits zu dieser Zeit nicht unbedingt friedliche gesonnen (z.B. Korea Feldzug Japans 1592). Dennoch hielt China sich aus der Angelegenheit raus. Ryu Kyu konnte seinen relativ unabhängigen Status eines Königreiches trotz der Satsuma beibehalten. Die Samurai gewährleisteten nun Ryu Kyus Sicherheit, was eine Neuausrichtung des Königreichs forderte. Man konnte den Tributhandel mit China weiter führen und zusätzlich führte man Tribut nach Satsuma ab. Ein Interesse oder eine Notwendigkeit an einer Unterdrückung Ryu Kyus, bestand seitens der Satsuma nicht.

 

Shoshin Nagamine (Matsubayashi Shorin Ryu) spricht in einem Interview von grosser Brutalität der Samurai den okinawischen Einwohnern gegenüber. Diese Brutalität wurde aber offenbar nur während des Einmarsches der Samurai gegen die sich wehrende okinawanische Armee angewendet und an Minister Jana, als er sich weigerte, den »Verlierervertrag« zu unterzeichnen.

Es ist eine Ausgabe des Phoenix-Magazins von 1873 durch das Karatemuseum auf Hawaii veröffentlicht worden. Darin befindet sich ein detailiierter Bericht des Herausgebers des Magazins (James Summers), einem londoner Professor für chinesische Sprache über die Geschichte Okinawas, insbesondere über die Zeit um den Konflikt mit Japan im Jahre 1609. Dieser Artikel ist einerseits eine neutrale Quelle, andererseits vor der Massenverbreitung des Karate und Entstehung damit verbundener Mythen verfasst. Es findet sich kein Wort über Waffenverbote oder eine Schreckensherrschaft durch die Samurai. Der Artikel gibt einen Bericht von dem Japaner Tomioka Shiuko um 1850 wieder. Die Okinawaner werden als sehr gute Bogenschützen zu Pferde und als gute Scharfschützen mit dem Luntenschussgewehr (Muskete) beschrieben. Dies ist ein deutlicher Hinweis, dass kein Waffenverbot bestand. Außerdem heißt es, die Okinawaner haben besondere Fähigkeiten im “Boxen”, so dass ein gut trainierter Kämpfer Wasserkrüge zerschlagen oder einen Menschen mit einem einzigen Schlag töten könne. Also ist auch von einer absoluten Geheimhaltung der Kampfkunst keine Spur zu finden. Die Zeit der umstrittenen “Bevormundung” Okinawas durch die Samurai endete 1875 und Okinawa wurde als offizieller Teil Japans zwangsadoptiert. Ab hier endet die königliche Herrschaft über die RyuKyu Inseln und Okinawa wurde zu “Okinawa”.

Karateunterricht wird öffentlich…

Karate wird um 1900 öffentlich und verbreitet sich ca 20 Jahre über die Hauptinsel Japans in der ganzen Welt. Viele Lehrer, Intrukteure oder einfach solche, die es eine Weile irgendwo praktizierten, sahen sich dazu berufen, eigene Stilrichtungen zu formen und abzugrenzen. Das Zeitalter der 10000 Stile war geboren. Mehr zu den beteiligten Personen um die Anfangszeit der Veröffentlichung des Karate gibt es bei “den Vätern des modernen Karate”.