Kata – Wissen in Formen

Toshihiro Oshiro: „Die modernen Kata haben den Bezug zu einem tatsächlichen Gegner verloren. Es ist für das Verständnis des »alten« Karate und um es als Kampfkunst zu fühlen und auszuführen  notwendig, den Gegner wieder in die Kata zurück zu bringen. In jede Vor- und Zurückbewegung, jedoch auch in jede Winkelveränderung des Körpers. Diese sollten nicht als rotierende Bewegungen ausgeführt werden. Hier liegt das Wesen der Bewegungsmotorik verborgen – die Seele der Kata. Bereits Itosu Anko begann um 1900 den Gegner aus den Kata zu entfernen, als man begann, Karate in Vereinen oder Schulen zu unterrichten.“

 

Erfahrung und Wissen in Bewegung. Kampftaktik, -motorik und -technik wurden in China wie in Japan gerne in Form von festgelegten Abläufen verdichtet, den sogenannten Kata. Erfahrung und Wissen durch festgelegte Bewegungsmuster oder ritualisierte Tänze weiter zu geben, ist eine Methode, die wahrscheinlich so alt und verbreitet ist, wie die Menschheit selbst.

Diese Methode ist auch heute noch weitaus tiefer in der Gesellschaft integriert, als man auf den ersten Blick meinen möchte. In der Geschichte der Menschheit hat sie sich als wirksam erwiesen und ist daher in vielerlei Facetten in allen Kulturen vorhanden. Auch die okinawanischen Meister haben diese Methode gewählt, um das Wissen an diejenigen weiter geben zu können, die sich ihr Vertrauen erarbeitet hatten. Es war nicht nötig Bücher zu schreiben, eine Kampfkunst kann ohnehin nicht anhand von Skizzen oder Schriften erlernt werden. Die Kata zusammen mit der Anleitung der erfahrenen Lehrer sowie weitere Übungsmethoden waren und sind ein ausgezeichnetes Mittel, die Idee der Kampfkunst zu vermitteln und zu lehren.

Menschheitstradition. Jagen und Kämpfen – als Vorraussetzung für das Überleben – waren von Anfang an ein wesentlicher und notwendiger Teil einer jeden Kultur. Menschen machten Erfahrungen in tatsächlichen Kämpfen gegen andere Menschen, Gruppen, Stämme oder gegen Tiere. Der Ausgang eines solchen Kampfes zeigte, welche Methoden wirkungsvoll waren und welche nicht. Es liegt nahe, dass man die unerfahreneren Mitgliedern des Stammes die erprobten Techniken und Methoden als »Trockenübung« üben ließ. So konnten sie sich auf reale Situationen oder weitergehende Übungen vorbereiten.
Kindern ist die Fähigkeit angeboren, durch Nachahmung zu lernen. Diese Fähigkeit bedeutet Schutz und Training für ein eigenständiges Leben.
Oftmals flossen die Kampfmethoden eines Volkes auch in dessen Volkstänze ein. Hier macht auch Okinawa keine Ausnahme. Die Kampfkunst spiegelt sich recht deutlich in verschiedenen, teils sehr energiegeladenen einheimischen Volkstänzen wieder.

Medium Kata. Wir stellen die Kata entsprechend der Methodik des alten Karate in den Mittelpunkt des Trainings. Kata enthalten alles, was man benötigt um das Training zu gestalten. Unser Anspruch ist, Kata, Kihon und Kumite nicht zu sehr zu trennen. So fördern wir das Verständnis für die einzelnen Kata umso mehr. Dies hilft wiederum den Einzelnen beim Umgang mit dem Medium Kata, egal ob Zuhause oder im Freien. Es reicht ab einem bestimmten Level nicht mehr für Fortschritte aus, nur einmal die Woche im Dojo zu trainieren. Das Training sollte auch in die übrige Zeit integriert werden. Wenn man die Kata mit fortschreitender Erfahrung besser begreift, reichen über den Tag verteilt ab und zu 15 Minuten aus. Man könnte für sich ein Ritual einrichten und die nächste Prüfungskata oder die eigene Lieblingskata morgens und abends bewusst ausführen.

Erfasst man Bedeutung und Potential der Kata, kann man gymnastische Übungen, Grundschule, Partnerübungen und Anwendungen ableiten. Wir nehmen uns also beim Training eine bestimmte Kata vor und trainieren Kihon und Kumite/ Bunkai entsprechend der vielfältigen Möglichkeiten, die diese Kata beinhaltet. Kihon beinhaltet dabei auch entsprechendes Wand- oder Pratzentraining.

Kata lehren, Technik und die Energiegewinnung in den Bewegungen und im Inneren des Körpers zu verbergen. Das Prinzip des verbergens führte allerdings dazu, daß große Teile der in den Kata verborgenen Möglichkeiten heute nicht mehr weitläufig bekannt sind. Die Aufmerksamkeit wurde fast zwangsweise auf die äußeren Bewertung von Kraftausdruck, Haltung, Endpositionen und Winkelmaßen gelenkt.  Einher mit diesem Kapitel geht „Prinzipien des Karate“.

Der Bo wird dicht am oder gar unterhalb des (Ober-)Körper, sozusagen „innen“ am effektivsten (durch die Kata) geführt.  Ohne weitläufige Armbewegungen, mit minimalen Ellbogenbewegungen. Er wird nahe der Mittellinie geführt. Dies kann auf das Karate übertragen werden. Daher der große Wert auf das Gefühl für die Mittellinie beim Ausführen der Kata (Seichusen entlang des Enbusen). Man muss es 1. erkennen/ sehen, 2. das Gefühl dafür entwickeln, 3. es bei jeder Technik/ Katasequenz, 4. am Partner und 5. am Gegner umsetzen können. Bunkai werden aus den Katabewegungen isolierte Anwendungen für bestimmte Situationen genannt. Die Prinzipien des Enbusen und Seichusen gelten jedoch immer, sind also universell.

Auf Kraft und Schnelligkeit zu trainieren und sportliche Deckung und Distanz einzunehmen, führt zum Wettkampf – zum sportlichen Vergleich. Der Schnellere oder Stärkere gewinnt. Altes Karate benutzt Tricks und innere Dynamik, um in nicht wettkampfkonformen Situationen bestehen zu können. Darauf bereiten die alten Kata vor. Modernere Kata sind verändert, vereinfacht oder begradigt worden und/ oder unterlagen wettkampfbedingtem Tuning. Beispielsweise springt man in der moderneren Variante der Heian Godan, während man sich in der alten Version aus dem Stand fallend dreht, um einen gegriffenen Gegner zu Boden zu werfen. 

Die Meister fertigten keine Lehrbücher an. Dieses tief in die Bewegungsmotorik des Menschen eingreifende und dessen Motorik grundlegend verändernde Wissen, hätte man nicht in Manuskripte oder Bücher verpacken können. Es sind sehr wenige Schriften von China nach Okinawa gelangt (Bubishi und zwei Schriften zur inneren und äußeren Veränderung des Körpers auf Dharuma zurückgehend). Diese enthielten keine Kataabläufe, jedoch einige Abbildungen von Anwendungsbeispielen.

Viele Autoren schrieben im 20. Jhdt Bücher, in denen sie Kataabläufe in Einzelbildserien darstellten. In manchem dieser Bücher ist von der Annahme zu lesen, die alten Meister hätten kaum etwas niedergeschrieben, weil die Aufzeichnungen in falsche Hände hätten fallen können. Jedoch ist dies, wenn überhaupt, nur ein zweitrangiger Grund. Eine Kata bloß vom Ablauf her ausführen zu können, ohne die zugrunde liegende und nicht offensichtliche, feine innere Motorik zu kennen, führt nicht zum Wesen ihrer Essenz.

Training auf unebenen Boden

Vielleicht verleiht es die Möglichkeit mit der Vorführung des Ablaufs unerfahrene Zuschauer beeindrucken zu können.

Wesentlicher noch als die Endhaltungen, welche sich von Technik zu Technik ergeben ist jedoch das, was dazwischen passiert. Viele Prinzipien der Bewegungslehre sind kaum mehr bekannt und wichen einem übertriebenen Augenmerk auf das Äussere der Endhaltungen.

Es sind Fragen wie: Was passiert zwischen den Endhaltungen? Wo bin ich und wo ist der Angriff? Schütze ich meine Schwachstellen (Seichusen) in der Bewegung entlang der Kata (Enbusen)? Halte ich mein Kinn richtig, auch bei und nach Blickwendungen? Kann ich in der Bewegung Techniken ausführen oder kommen diese erst spät zum Ende der Bewegung? Was verbirgt die Kata auf dem Weg von einer Technik zur anderen? Welche Prinzipien machen es dem Gegner schwer, meine Intention und Bewegung zu erkennen? Wie finde ich zu einem intuitiven Gefühl für die vielen verschiedenen Anwendunsmöglichkeiten einer Bewegung?

Das Nachahmen ist ein wesentlicher Prozess im (Über-)Leben(-skampf). Es ist natürlich nicht die reale Situation selbst. Eine Kata ist entsprechend nicht der Kampf selbst. Es steht daher nicht mal unbedingt ein muskelbetont kraftvolles Ausführen im Vordergrund, es ist ja kein physischer Gegner präsent. Eine Kata lebt von dem, was im Hintergrund antrainiert wird, der inneren Dynamik, der Kontrolle über die eigenen Körperregionen, dem unabhängigen Bewegen der Gliedmaßen, dem Schutz der eigenen Schwachstellen in der Bewegung (Seichusen), dem schmalen Bewegen entlang der Linien des Schrittdiagramms (Enbusen), dem Vermeiden jeder überflüssigen Bewegung, stets für die nächste Bewegung vorbereitet sein, der Entwicklung eines streckenden Muskeleinsatzes bzw. der Kontraktion und Expansion des Körpers und vieles mehr.

Kata Rohai

Der äussere Ausdruck der vorgeführten Kata entsteht somit nicht durch stark sichtbare Muskelspannung, sondern durch den gezielten Kontraktions- und Streckeinsatz des Körpers, seiner Gliedmaßen und der Unterstützung durch jedes Gelenk. Pauschal möglichst viele Muskeln zum Ende der Technik anzuspannen, unterbindet gleich mehrere der genannten Prinzipien, bremst die aufgebaute Beschleunigung anstatt sie bis zum Schluss in den Gegner abzugeben und behindert den Einsatz der Gelenke im entscheidenden Moment. Die ausgeführten Techniken und Wendungen einer Kata beinhalten keine festgelegten Techniken. Nahezu jede einzelne Katatechnik bereitet auf ihren Einsatz als Schlag-, Stoß-, Block-, Ableitung-, Hebel-, Antihebel oder Wurftechnik vor. Die Techniken sind also breitgefächert einsetzbar. Viele Anwendungen gingen durch den Fokus auf den Wettkampf verloren, dadurch wurde die einstige Technikvielfalt des Karate auf einige wenige Schlag-/ Stoß- und Blocktechniken oder deren Kombination reduziert.

Die Linie der Kata gilt auch für den Körper. Schmal stehen, Vitalpunkte abdrehen und hinter der Waffe (dem Arm) verbergen (rechts). Sich nicht auf zwei Linien bewegen (links).

Enbusen – Bewegen entlang der Linie. Jede Kata hat ein ihr eigenes Schrittdiagram. Es gibt Serien von Kata, die einem ähnlichen Schrittdiagramm folgen. Beispiele sind die 3 Kihon Kata oder die 5 Pinan Kata (Heian Kata). Das Schrittdiagram wird im Shorin-Ryu als Linie dargestellt, auf der man sich bewegt. Diese Linie wird Enbusen genannt und hat eine zentrale Bedeutung für das Katatraining. Dieser Linie passt man Körper und Technik an, man versucht zur Linie zu werden und damit nur ein schmales Ziel zu bieten. Schafft man es, sich schmal entlang der Linie zu bewegen, kann man den eigenen Körper leichter vor direkten Angriffen schützen. In den Kata gehen wir oftmals offensiv vor, somit ist nicht nur eine schmale und schützende Endhaltung wichtig, sondern auch in unserer Bewegung wollen wir vor Treffern zu vitalen Stellen geschützt sein.

In der Kata gilt es die Fähigkeit zu entwickeln, schnell und direkt Wendungen oder Verlagerungen des Körpergewichts gleichzeitig mit verschiedensten Armtechniken ausführen zu können. 270 Grad Wendungen der Kata können als verschiedenste Würfe eingesetzt werden. Die meisten während einer Wendung ausgeführten Techniken können als Angriffe gegen Schwachstellen des Gegners ausgeführt werden, nie jedoch sollten sie reine Blocks sein. Eine Ausnahme wäre es, würde der Unterricht Kindern zur Körperertüchtigung dienen (siehe im nächsten Absatz und bei „Väter des modernen Karate“). Reine Blocks nehmen dem Gegner die Angriffsinitiative nicht ab. Nach diesem Kriterium können sie beurteilt werden. Braucht es nach dem Block noch einen neu startenden Konter (Gyaku-Zuki), dann könnte auch der Gegner auf diesen Taktschlag eine weitere Technik ausführen.

Beim Verteidigen des eigenen Lebens will man gegen einen unberechenbaren und unbekannten Angreifer keinen Schlagabtausch, oder Block/Konterversuch. Man will den Gegner in einem Zuge und ohne Unterbrechung  durchqueren. Kata ist dem freien Kumite sehr ähnlich in dem Punkte, dass man nicht davon ausgehen kann, der gegnerische Angriff würde nach 1-2 Techniken stoppen und auf unseren sauber gesetzten Konter warten.

Moderne Kata verlieren den Gegner. Die Angreifer sind während des Laufens einer Kata lediglich imaginär anwesend. Dennoch darf man den gedachten Gegner nicht vergessen, man darf ihn in der Kata nicht „verlieren“. Richtungsänderungen oder Wendungen müssen dem Angriff entsprechen. Moderne Kata verlieren das Enbusen und damit den Gegner. Die Bewegungen wurden länger.Moderne Kata wenden oftmals in einer veränderten Art und Weise, so daß die Technik am Richtung Körpermitte oder zum Kopf angreifenden, imaginären Gegner vorbeiläuft. Die Technik wird dann dort hin platziert, wo kein gegnerischer Angriff landet. Eine 2. Enbusenlinie entsteht, welche nicht dem Gedanken der Bedeutung des imaginären Gegners entspricht. Dies kann vermieden werden, wenn beide Beine sich die Bewegungsarbeit für die neue Ausrichtung teilen. Gleichzeitig halbiert sich der zu gehende Weg, den bei der modernen Methode ein Bein gehen müsste.

Während der gesamten Kata mit all ihren winkligen Blickwendungen sollte der Kiefer stets leicht eingezogen sein und der Kopf nicht in Schräglage geraten. Ein Fehler, den man häufig sieht. Würde man am abstehenden Kinn getroffen, dann wird das Gehirn und die Wirbelsäule viel stärkeren negativen Effekten ausgeliefert. Kata trainieren mehr Selbstschutz als als nur durch Gliedmaßen zu erreichen wäre. Das Gefühl, als würde man mit dem Kinn und nicht mit den Augen gucken, sollte sich einstellen.

Sensei Gregory in Okinawa

Kata beinhalten die Techniken des Karate (und Kobudo), trainieren jedoch auch die zugrunde liegende Dynamik und Bewegungsmotorik dieser Kampfkunst. Das Wissen um diese traditionelle Motorik ist im Rahmen der mit der Massenverbreitung einher gehenden Systematisierung und Begradigung der Kata vereinfacht weiter gegeben worden. So mancher fortgeschrittene Karateka ist auf Mutmaßungen angewiesen, wenn es um die Hintergründe der Technikvielfalt und Motorik der Kata geht. Viele Meister haben notgedrungen eigene Interpretationen entwickelt. Viele verschiedene Stile entstanden. Techniken, Stände und Prinzipien wurden verändert.

Wir haben es uns zum Ziel gemacht, zur originären Motorik zurück zu finden und die Bedeutung rund um den Kataaufbau und ihrer Techniken zu erforschen, uns anzueignen und weiter zu geben. Denn das alte Karate war bereits eine hochentwickelte Kampfkunst. Durch den Massenunterricht und die Anpassung an ein Sportkarate gingen grundlegende Prinzipien verloren, einschließlich des „Gegners“ in den Kata.

Kata in der Moderne. Die »alten« okinawischen Meister (wie Itosu Anko) vereinfachten und systematisierten bereits viele Techniken und Kata um 1900, als ihr Unterricht grösseren Gruppen gerecht werden musste. Systematisiert bedeutet, die verschiedenen Kata wurden einander angeglichen. An dieser Stelle der Geschichte sind wir noch auf Okinawa und noch nicht einmal zur Hauptinsel Japan gelangt. Ab diesem Zeitpunkt formte sich bereits ein »modernes« Karate, welches an jedermann weiter gegeben werden können sollte. Man sagt, Itosu Anko habe das Karate entschärft und die Technik und Dynamik des Karate verändert. Schließlich unterrichtete er okinawische Schulkinder.
Ab etwa 1920 konnten okinawanische Meister dann die Kunst auf die Hauptinsel Japan bringen. Wenige okinawische Meister bildeten in kurzer Zeit viele spätere Instruktoren für Schule und Armee aus. Sprachunterschiede zwischen der okinawischen und japanischen Sprache waren ein weiterer Einflussfaktor, weshalb Prinzipien und Grundlagen bereits zu dieser Zeit anders interpretiert und fortan anders weiter gegeben wurden. Weiter gegeben durch die zum Zwecke der grossflächigen Verbreitung relativ schnell angelernten, neuen japanischen Instruktoren. Viele dieser Instruktoren gaben ihren Interpretationen früher oder später eigene Stilrichtungsnamen und es sprossen viele neue Stilrichtungen hervor.
Durch den steigenden Einfluss von Wettkämpfen auf das Karate, führte der Weg von der Kampfkunst weg, hin zum Kampfsport. Im Wettkampf zählen Ausstrahlung, Athletik, Kraftausdruck oder Bewertungspotential. Allesamt »äußerliche« Aspekte, denen die alten Kata nicht unterlagen. Als die Kata in der Moderne somit immer oberflächlicher weiter gegeben und/ oder für Wettkämpfe getrimmt wurden, verloren sie ihre natürliche Dynamik und den Nutzen als wichtiges Hilfsmittel zur Vorbereitung auf die Kampfkunst – bzw. auf die »Kunst«, einen Kampf zu überleben. Zu dieser Zeit spaltete sich die Karateszene in Meister, die der Wettkampfentwicklung folgten und in Meister, die das ihnen zu diesem Zeitpunkt bekannte Karate weiterführen wollten. So entstand aus dem Shotokan um Masatoshi Nakayama ein Abzweig, der weinige Jahre nach seiner Gründung von Shigeru Egami weiter geführt wurde. Egami war mit der wettkampforientierung Nakayamas unzufrieden, die Shotokai wollte an Funakoshis Lehren festhalten.
Die Entwicklung zum Sport- oder Wettkampfkarate sollte nicht diskreditiert werden, fasziniert sie doch unglaublich viele Menschen und trug entscheidend für den weltweiten Erfolg des Karate bei. Leider wird heute Kampfkunst und Kampfsport jedoch bunt miteinander vermischt, obwohl die Ziele beider Richtungen zu grossen Teilen gegensätzlich sind. Viele trainieren unwissentlich eine Form des Wettkampfkarates, nehmen jedoch nie an Wettkämpfen teil. Was bei dem einen dynamisch nach aussen gezeigt werden muss, bleibt bei dem anderen in innerer Dynamik verborgen.

Naifanchi – Oben und Unten getrennt bewegen

Beispiel Naifanchi Kata.  Diese sehr bekannte Katareihe heißt im weit verbreiteten Shotokan Karate Tekki Shodan, Nidan und Sandan. Diese Kata wurden von den älteren Versionen Naifanchi Shodan, Nidan und Sandan abgeleitet.
Der Name »Tekki« (eiserner Reiter) deutet an, dass man trotz Ausführung von verschiedenen Techniken in verschiedenen Winkeln, den Körper abwärts des Gürtels une Naifanchi Shodan wird als die Grundlagenkata des Karate überhaupt bezeichnet, da sie die wesentlichen Aspekte trainiert, die dem Karate zugrunde liegen. Sie lehrt verschiedene Körperbereiche voneinander getrennt bewegen zu können.Moderne Versionen der Naifanchi Kata werden »Tekki« (eiserner Reiter) genannt. Gichin Funakoshi führte neben äusseren Änderungen auch Namensänderungen der Kata durch. Er wollte den Kata Namen geben, welche ihre jeweiligen Prinzipien bzw. Kampfstile widerspiegeln sollten. Ster Kontrolle haben sollte. Bewegungen des Oberkörpers sollen sich nicht auf den Stand auswirken oder von diesem abhänging sein. Die Arbeit des Oberkörpers verläuft sich entprechend im Bereich des Hara (etwa Bauchnabelhöhe) nach innen. Eine Hüftrotation kommt nicht vor, da diese für effektive Techniken nicht nötig ist. Bei genauer Analyse stellt sich heraus, dass Rotationsbewegungen im Hüftbereich die Kraft auch nicht in eine gerade Richtung leiten, sondern eher in eine Kreisbahn. Karate zeichnet sich jedoch durch sehr direkte und geradlinige Techniken und Körperbewegungen aus. Der ursprüngliche Stand in der Naifanchi »Naifanchi Dachi« (im modernen Karate wird der breitere Kiba Dachi benutzt) erinnert an das Sitzen auf einem Pferd. Schafft man es nicht, den Körperbereich ab Beckenhöhe abwärts zu kontrollieren, dann würde das imaginäre »Pferd« nicht wissen,wo es hinreiten soll. Diese Analogie zu dem Ritt auf einem Pferd nutzte Gichin Funakoshi, als er die Kata für das Shotokan-Karate umbenannte in »Tekki«.
Die Naifanchi Kata besitzt sehr viele Techniken für die Nahdistanz. Ihre Prinzipien sind vielseitig anwendbar. Sie enthält neben offensichtlichen Nahdistanzschlägen auch versteckte Schläge und Wurfansätze. Reine Blockbewegungen enthält sie kaum, da in der nahen Distanz die Zeit nicht da ist, um mit einem Block zu reagieren und dann erst in den Angriff überzugehen. Moderne Varianten dieser Kata haben aus ihren Techniken fast durchgehend reine Blocktechniken gemacht. Derart verändert ist das Training dieser Kata nicht mehr für den ursprünglich zugrunde liegenden Zweck tauglich.
Irrtümlicher Weise wird oft behauptet, sie basiere auf einem Kampf, wo man mit dem Rücken zu einer Wand steht. Wahrscheinlich wurzelt diese Interpretation auf der Tatsache, dass die Naifanchi mit der Körpervorderseite nahe an einer Wand trainiert wurde, um den direkten Weg der seitlichen Techniken zu trainieren. Es bestehen heute viele Halbwahrheiten in Bezug auf die Interpretation von verschiedenen Kata. Die Entstehung der Irrtümer lässt sich oftmals nachvollziehen, wenn man das alte Karate studiert.

Chokki Motobu und die Naifanchi. Die Naifanchi Kata Serie ist berühmt geworden, weil der durch seine Kampfkraft bekannt gewordene okinawanische Meister Chokki Motobu (jap. 本部 朝基, 1870-1944, geb. in Akahira, nahe Shuri auf Okinawa) diese Kataserie favorisiert hat. Er sagte: “Es langt, die Prinzipien der Naifanchi Kata zu beherrschen, dann beherrscht man auch das Karate und kann kämpfen.”

Motobus Bekannheit förderte ein Sieg in Japan, den er in einem Vergleichskampf, offenbar einem frühen »Mixed Martial Arts« Konzept nicht unähnlich, gegen einen nicht japanischen Profiboxer um 1921 erlangte. Motobu war zu der Zeit bereits Mitte 50, während der Boxer deutlich jünger war. Motubo trainierte sehr viel abgesprochenes Kumite. Man sagt von ihm aber auch, dass er keiner Schlägerei auswich, um seine Techniken zu testen. Diese Eigenschaft entsprach natürlich ganz und gar nicht dem, was sich Funakoshi Gichin als Idealbild eines Karatelehrers vorstellte.
Zu dieser Zeit lehrten die durchaus konträren Persönlichkeiten Motobu und Funakoshi ihr Karate auf der Hauptinsel Japan. Die über den Kampf berichtende Zeitung »Kingu« bildete irrtümlich Gichin Funakoshi im Ring stehend ab.

Kampkunst nur durch Kata lernen? Auch wenn die Versprechen mancher Produzenten von Lehrvideos anderen Anschein erwecken, genügt das Wissen um den puren Ablauf einer Kata natürlich nicht um wirksame Kampftechniken und Bewegungsdynamiken zu entwickeln. Wissen um die Techniken und tief in die Bewegungsdynamik eingreifende Übungen am Partner, Training an Schlagpolstern sowie spezielle Koordinations- und Kräftigungsübungen gehen mit dem Katatraining Hand in Hand. Somit ergibt sich die Art und Weise der Kataausführung erst aus dem kompletten Trainingsprogramm. Heute unterrichten nur noch wenige Lehrer die ausgefeilten alten Prinzipien rund um die Kata, welche das Potential haben, sich mit ihrer Hilfe im Angesicht einer realen Konfrontation auch gegen körperlich überlegene Gegner nützliche Verhaltensweisen antrainieren zu können. Das Training der Kata sollte nicht nur auf einen dynamischen äußeren Eindruck fixiert sein. Auch sollten die Bewegungsmuster und Körperdynamiken, die man in der Kata trainiert nicht geändert werden müssen, wenn es an deren Anwendung gegen einen Gegner geht (Bunkai). Dies jedoch sieht man heute häufig, da im Rahmen der sportlichen Weitergabe des Karate die äussere Form wichtiger als die ursprüngliche Funktion wurde – »Form over function«.