Kata – Wissen in Formen

 

Kampftaktik, -motorik und -technik wurden in China wie in Japan gerne in Form von festgelegten Abläufen, den sogenannten Kata eingebunden. Jede Kata hat ein ihr eigenes Schrittdiagram. Es gibt Serien von Kata, die einem ähnlichen Schrittdiagramm folgen. Beispiele sind die 3 Kihon Kata oder die 5 Pinan Kata (Heian Kata). Das Schrittdiagram wird im Shorin-Ryu als Linie dargestellt, auf der man sich bewegt. Diese Linie wird Enbusen genannt und hat eine zentrale Bedeutung für das Katatraining. Dieser Linie passt man Körper und Technik an. Schafft man es, sich schmal entlang der Linie zu bewegen, dann bietet man auch immer nur ein schmales Ziel für einen Gegner und kann den eigenen Körper besser schützen. In der Kata gilt es auch die Fähigkeit zu entwickeln, schnell und direkt Wendungen oder Verlagerungen des Körpergewichts gleichzeitig mit verschiedensten Armtechniken ausführen zu können. Kata kann man zusammen mit anderen oder alleine nahezu überall trainieren. Die Angreifer sind dabei lediglich imaginär anwesend. Dennoch darf man den gedachten Gegner nicht vergessen. Richtungsänderungen oder Wendungen müssne seinem Angriff entsprechen. Moderne Kata wenden oftmals in einer veränderten Art und Weise, so dass der Ausführende mitsamt seiner Technik am Richtung Körpermitte oder zum Kopf angreifenden, imaginären Gegner vorbeiläuft.

Kata beinhalten die Techniken des Karate (und Kobudo), trainieren jedoch auch die zugrunde liegende Dynamik und Bewegungsmotorik dieser Kampfkunst. Das Wissen um diese traditionelle Motorik ist im Rahmen der mit der Massenverbreitung einher gehenden Systematisierung und Begradigung der Kata vereinfacht weiter gegeben worden. So mancher fortgeschrittene Karateka ist auf Mutmaßungen angewiesen, wenn es um die Hintergründe der Technikvielfalt und Motorik der Kata geht. Viele Meister haben notgedrungen eigene Interpretationen entwickelt. Viele verschiedene Stile entstanden. Techniken, Stände und Prinzipien wurden verändert.

Wir haben es uns zum Ziel gemacht, zur hochentwickelten »alten« Motorik zurück zu finden und die Bedeutung rund um den Kataaufbau und ihrer Techniken zu erforschen, uns anzueignen und weiter zu geben. Denn das alte Karate war bereits eine hochentwickelte Kampfkunst.

Erfahrung und Wissen in Bewegungsmuster stecken

Erfahrung und Wissen durch festgelegte Bewegungsmuster oder ritualisierte Tänze weiter zu geben, ist eine Methode, die wahrscheinlich so alt und verbreitet ist, wie die Menschheit selbst. Diese Methode ist auch heute noch weitaus tiefer in der Gesellschaft integriert, als man auf den ersten Blick meinen möchte. In der Geschichte der Menschheit hat sie sich stets als wirksam erwiesen und ist daher in vielerlei Facetten in allen Kulturen vorhanden. Auch die okinawischen Meister haben diese Methode gewählt und perfektioniert, um das Karate an diejenigen weiter geben zu können, die sich ihr Vertrauen erarbeitet hatten.

Jagen und Kämpfen – als Vorraussetzung für das Überleben – waren von Anfang an ein wesentlicher und notwendiger Teil einer jeden Kultur. Menschen machten Erfahrungen in tatsächlichen Kämpfen gegen andere Menschen, Gruppen, Stämme oder gegen Tiere. Der Ausgang eines solchen Kampfes zeigte, welche Methoden wirkungsvoll waren und welche nicht. Es liegt nahe, dass man die unerfahreneren Mitgliedern des Stammes die erprobten Techniken und Methoden als »Trockenübung« üben ließ. So konnten sie sich für die realen Situationen oder für weitere Trainingskämpfe vorbereiten.
Kindern ist die Fähigkeit angeboren, durch Nachahmung zu lernen. Diese Fähigkeit bedeutet Schutz und Training für ein eigenständiges Leben.
Oftmals flossen die Kampfmethoden eines Volkes auch in dessen Volkstänze ein. Hier macht auch Okinawa keine Ausnahme. Die Kampfkunst spiegelt sich recht deutlich in verschiedenen, teils sehr energiegeladenen einheimischen Volkstänzen wieder. Da sehr viel Wissen in die Kata und in zusätzliche Übungen gepackt und mit der Zeit an den Schüler weiter gegeben wurde, verzichteten die Meister gänzlich auf das Niederschreiben ihres Wissens. Sie hatten entsprechend nur jeweils wenige Schüler.

Das Nachahmen ist ein wesentlicher Prozess im (Über-)Leben(-skampf). Es ist natürlich nicht die reale Situation selbst. Eine Kata ist entsprechend nicht der Kampf selbst. Eine Kata kann z.B. Timing, Distanzgefühl oder den Stress einer realen Bedrohung nicht trainieren. Dafür gibt es zusätzliche Trainingsmethoden.

 

Kampkunst nur durch Kata lernen?

Auch wenn die Versprechen mancher Produzenten von Lehrvideos anderen Anschein erwecken, genügt das Wissen um den puren Ablauf einer Kata natürlich nicht um wirksame Kampftechniken und Bewegungsdynamiken zu entwickeln. Wissen um die Techniken und tief in die Bewegungsdynamik eingreifende Übungen am Partner, Training an Schlagpolstern sowie spezielle Koordinations- und Kräftigungsübungen gehen mit dem Katatraining Hand in Hand. Somit ergibt sich die Art und Weise der Kataausführung erst aus dem kompletten Trainingsprogramm. Heute unterrichten nur noch wenige Lehrer die ausgefeilten alten Prinzipien rund um die Kata, welche das Potential haben, sich mit ihrer Hilfe im Angesicht einer realen Konfrontation auch gegen körperlich überlegene Gegner nützliche Verhaltensweisen antrainieren zu können. Das Training der Kata sollte nicht nur auf einen dynamischen äußeren Eindruck fixiert sein. Auch sollten die Bewegungsmuster und Körperdynamiken, die man in der Kata trainiert nicht geändert werden müssen, wenn es an deren Anwendung gegen einen Gegner geht (Bunkai).
Dies jedoch sieht man heute häufig, da im Rahmen der sportlichen Weitergabe des Karate die äussere Form wichtiger als die ursprüngliche Funktion wurde – »Form over function«.

 

Prinzipien der alten Kata werden verändert, auf Kosten des Gegners

Die »alten« okinawischen Meister (wie Itosu Anko) vereinfachten und systematisierten bereits viele Techniken und Kata um 1900, als ihr Unterricht grösseren Gruppen gerecht werden musste. Systematisiert bedeutet, die verschiedenen Kata wurden einander angeglichen.

Große Gruppen


An dieser Stelle der Geschichte sind wir noch auf Okinawa und noch nicht einmal zur Hauptinsel Japan gelangt.
Ab diesem Zeitpunkt formte sich bereits ein »modernes« Karate, welches an jedermann weiter gegeben werden können sollte. Man sagt, Itosu Anko habe das Karate entschärft und die Technik und Dynamik des Karate verändert. Schliesslich unterrichtete er okinawische Schulkinder.
Ab etwa 1920 konnten okinawische Meister dann die Kunst auf die Hauptinsel Japan bringen. Wenige okinawische Meister bildeten in kurzer Zeit viele spätere Instruktoren für Schule und Armee aus. Sprachunterschiede zwischen der okinawischen und japanischen Sprache waren ein weiterer Einflussfaktor, weshalb Prinzipien und Grundlagen bereits zu dieser Zeit anders interpretiert und fortan anders weiter gegeben wurden. Weiter gegeben durch die zum Zwecke der grossflächigen Verbreitung relativ schnell angelernten, neuen japanischen Instruktoren. Viele dieser Instruktoren gaben ihren Interpretationen früher oder später eigene Stilrichtungsnamen und es sprossen viele neue Stilrichtungen hervor.
Durch den steigenden Einfluss von Wettkämpfen auf das Karate, führte der Weg von der Kampfkunst weg, hin zum Kampfsport. Im Wettkampf zählen Ausstrahlung, Athletik, Kraftausdruck oder Bewertungspotential. Allesamt »äußerliche« Aspekte, denen die alten Kata nicht unterlagen. Als die Kata in der Moderne somit immer oberflächlicher weiter gegeben und/ oder für Wettkämpfe getrimmt wurden, verloren sie ihre natürliche Dynamik und den Nutzen als wichtiges Hilfsmittel zur Vorbereitung auf die Kampfkunst – bzw. auf die »Kunst«, einen Kampf zu überleben.

Zu dieser Zeit spaltete sich die Karateszene in Meister, die der Wettkampfentwicklung folgten und in Meister, die das ihnen zu diesem Zeitpunkt bekannte Karate weiterführen wollten. So entstand aus dem Shotokan um Masatoshi Nakayama ein Abzweig, der von Shigeru Egami als Shotokai weiter geführt wurde. Egami war mit der wettkampforientierung Nakayamas unzufrieden und wollte mit der Shotokai an Funakoshis Lehren festhalten.
Die Entwicklung zum Sport- oder Wettkampfkarate sollte nicht diskreditiert werden, fasziniert sie doch unglaublich viele Menschen und trug entscheidend für den weltweiten Erfolg des Karate bei. Leider wird heute Kampfkunst und Kampfsport bunt miteinander vermischt obwohl die Ziele beider Richtungen zu grossen Teilen gegensätzlich sind. Was bei dem einen dynamisch nach aussen gezeigt werden muss, bleibt bei dem anderen in innerer Dynamik verborgen.

Die Rückkehr zum alten Karate und seinen Kata

Im modernen Karate sind die Hintergründe vieler Bewegungen, Techniken und Kata nicht mehr bekannt. Wird Karate für Wettkämpfe oder Vorführungen mit Showeffekt benutzt, dann spielen die Hintergründe auch keine Rolle.
Das moderne Karate brachte interessante Interpretationen hervor. Um Kampfrichter zu beeindrucken, gab es Entwicklungen bis hin zu stark übertriebenem Muskeleinsatz, mit gehaltener Spannung oder gar geräuscherzeugende Anzüge. Dies um Techniken aus- und eindrucksvoll wirken zu lassen. Grossen Einfluss auf diese Entwicklung hatte der Mitte des 20. Jhdts einsetzende Wettkampfgedanke. In Annäherung an einen realen Kampf muss man die Techniken jedoch möglichst klein, versteckt, direkt und effektiv ausführen. Im Wettkampf müssen Kampfrichter die Techniken bewerten- sie müssen sie kennen und sehen,  man muss sie also nach aussen zeigen. Besonders bei Vorführungen muss man zeigen und übertreiben, was man tut. Im Kumite-Wettkampf müssen viele Regeln beachtet werden. Für eine reale Auseinandersetzung gilt generell das Gegenteil all dieser Punkte. Es wird klar, dass Wettkampf und das alte Karate weitgehend gegensätzliche Ziele verfolgen.

Im Laufe der Jahrzehnte entwickelt sich bei vielen Karateka, die sich jahrzehntelang mit dem Sportkarate befasst haben, irgendwann der Wunsch, mehr zu erfahren über das alte Karate und dessen Wurzeln. Es ist ein Eintauchen in eine zunächst unbekannte innere Dynamik, welche diesen alten Kata einen besonderen Touch verleiht und welche den Techniken in allen Haltungen Effiziens verleiht. Es ist ein Kennenlernen der Wirkung, wenn Muskeln, Gelenke und Knochen gezielt eingesetzt werden. Manche Erfolge lassen sich bereits nach kurzem Training erzielen, andere benötigen viel mehr Arbeit.

 

Beispiel Naifanchi Kata

Die Naifanchi Shodan wird als die Grundlagenkata des Karate überhaupt bezeichnet, da sie die wesentlichen Aspekte trainiert, die dem Karate zugrunde liegen. Sie lehrt verschiedene Körperbereiche voneinander getrennt bewegen zu können.

Moderne Versionen der Naifanchi Kata werden »Tekki« (eiserner Reiter) genannt. Gichin Funakoshi führte neben äusseren Änderungen auch Namensänderungen der Kata durch. Er wollte den Kata Namen geben, welche ihre jeweiligen Prinzipien bzw. Kampfstile widerspiegeln sollten. So gibt es im Shotokan Karate die Tekki Shodan, Nidan und Sandan, welche von der Naifanchi Shodan, Nidan und Sandan abgeleitet wurden.

Der Name »Tekki« (eiserner Reiter) deutet an, dass man trotz Ausführung von verschiedenen Techniken in verschiedenen Winkeln, den Körper abwärts des Gürtels unter Kontrolle haben sollte. Bewegungen des Oberkörpers sollen sich nicht auf den Stand auswirken oder von diesem abhänging sein. Die Arbeit des Oberkörpers verläuft sich entprechend im Bereich des Hara (etwa Bauchnabelhöhe) nach innen. Eine Hüftrotation kommtnicht vor, da diese für effektive Techniken nicht nötig ist. Bei genauer Analyse stellt sich heraus, dass Rotationsbewegungen im Hüftbereich die Kraft auch nicht in eine gerade Richtung leiten, sondern eher in eine Kreisbahn. Karate zeichnet sich jedoch durch sehr direkte und geradlinige Techniken und Körperbewegungen aus. Der ursprüngliche Stand in der Naifanchi »Naifanchi Dachi« (im modernen Karate wird der breitere Kiba Dachi benutzt) erinnert an das Sitzen auf einem Pferd. Schafft man es nicht, den Körperbereich ab Beckenhöhe abwärts zu kontrollieren, dann würde das imaginäre »Pferd« nicht wissen,wo es hinreiten soll. Diese Analogie zu dem Ritt auf einem Pferd nutzte Gichin Funakoshi, als er die Kata für das Shotokan-Karate umbenannte in »Tekki«.

Die Naifanchi Kata besitzt sehr viele Techniken für die Nahdistanz. Ihre Prinzipien sind vielseitig anwendbar. Sie enthält neben offensichtlichen Nahdistanzschlägen auch versteckte Schläge und Wurfansätze. Reine Blockbewegungen enthält sie kaum, da in der nahen Distanz die Zeit nicht da ist, um mit einem Block zu reagieren und dann erst in den Angriff überzugehen. Moderne Varianten dieser Kata haben aus ihren Techniken fast durchgehend reine Blocktechniken gemacht. Derart verändert ist das Training dieser Kata nicht mehr für den ursprünglich zugrunde liegenden Zweck tauglich.

Irrtümlicher Weise
wird oft behauptet, sie basiere auf einem Kampf, wo man mit dem Rücken zu einer Wand steht. Wahrscheinlich wurzelt diese Interpretation auf der Tatsache, dass die Naifanchi mit der Körpervorderseite nahe an einer Wand trainiert wurde, um den direkten Weg der seitlichen Techniken zu trainieren. Es bestehen heute viele Halbwahrheiten in Bezug auf die Interpretation von verschiedenen Kata. Die Entstehung der Irrtümer lässt sich oftmals nachvollziehen, wenn man das alte Karate studiert.

Chokki Motobu und die Naifanchi

Die Naifanchi Kata Serie ist berühmt geworden, weil der durch seine Kampfkraft bekannt gewordene okinawische Meister Chokki Motobu (jap. 本部 朝基; 1870-1944; geb. in Akahira, nahe Shuri auf Okinawa, siehe Bild) diese Kataserie favorisiert hat und sagte: “Es langt, die Prinzipien der Naifanchi Kata zu beherrschen, dann beherrscht man auch das Karate und kann kämpfen.”

Zusammen mit Gichin Funakoshi und Kenwa Mabuni gehörte Motobu um 1922 zu den ersten öffentlich in Japan lehrenden okinawischen Meistern. Die Stellung von Beinen und Hüfte in der Naifanchi sah er als die Grundlage für das Karate an. Er hatte sicherlich auch Kata wie die Passai oder die Kushanku gelernt, hielt sich jedoch letztlich an den »Stil« der Naifanchi Kataserie. Offenbar betrachtete Motobu andere Kata wie eigenständige Kampfstile, wobei ihm die »Naifanchi« offenbar am besten gefiel.

Motobus Bekannheit förderte ein Sieg in Japan, den er in einem Vergleichskampf, offenbar einem frühen »Mixed Martial Arts« Konzept nicht unähnlich, gegen einen nicht japanischen Profiboxer um 1921 erlangte. Motobu war zu der Zeit bereits Mitte 50, während der Boxer deutlich jünger war. Motubo trainierte sehr viel abgesprochenes Kumite. Man sagt von ihm aber auch, dass er keiner Schlägerei auswich, um seine Techniken zu testen. Diese Eigenschaft entsprach natürlich ganz und gar nicht dem, was sich Funakoshi Gichin als Idealbild eines Karatelehrers vorstellte.

Zu dieser Zeit lehrten die durchaus konträren Persönlichkeiten Motobu und Funakoshi ihr Karate auf der Hauptinsel Japan. Die über den Kampf berichtende Zeitung »Kingu« bildete irrtümlich Gichin Funakoshi im Ring stehend ab. Der Autor des Berichts war vermutlich nicht beim Kampf anwesend. Bericht und Bild wurden offenbar nachträglich, anhand anderer Quellen verfasst. Die abgebildetete Haltung “Funakoshis” entspricht der modernen Version der Kata Pinan Yondan (Heian Yondan).