Was ist „altes“ Karate?

Karate: Einführung

Karate ist eine Kampfkunst aus Okinawa, einer kleinen Insel im südlichsten Zipfel des heutigen Japans. Praktiziert wurde sowohl mit leeren Händen als auch mit einfach anmutenden Waffen wie dem Langstock (Bo), den Eisengabeln (Sai), Tunfa (Tonfa) und anderen. Hauptwaffe war der Bo.

Mehr zur Geschichte des Karate ist hier zu finden: Okinawa – Schmiede des Karate.
Mehr zum Aufbau des Karate selbst hier: Die 3 Säulen des Karate” – Kihon, Kata, Kumite.

Die Verbreitung des Karate ausserhalb Okinawas begann  um 1920. Zunächst brachte man das Karate auf die Hauptinsel Japan, von hier aus später in die ganze Welt. Karate wird mit »Leere Hand« übersetzt. Diese Bezeichnung ist relativ neu und entstand zu den Zeiten, als das Karate von Okinawa nach Japan kam. Das »Leer« bedeutete dabei nie »nichts in der Hand zu haben«, sondern beschreibt einen in Gefahrensituationen anzustrebenden geistigen Zustand. Der eigene Geist soll frei sein von ablenkenden Gedanken oder Gefühlen, um im Moment der Gefahr frei und unverzüglich agieren zu können. Im Karate sind dazu die Begriffe »Zanshin« und »Mushin« bekannt. Hieraus leiten sich auch Verbindungen der Kampfkunst mit dem Zen-Buddhismus und ihren Wurzeln im chinesischen Kung Fu ab, mehr dazu.

Vor der modernen Namensgebung »Leere Hand« nannten die Okinawer ihre Kunst meist »Tode« (Chinahand oder Technik aus China). Diese Bezeichnung kennzeichnet den Bezug zu China, den die okinawische Kampfkunst hat. Um 1930 fühlten sich okinawische Meister (u.a. Gichin Funakoshi) jedoch dazu motiviert, »Tode« in »Karate« (»Leere Hand«) umzubenennen, damit diese Kampfkunst auch auf der Hauptinsel Japan anerkannt werden würde. Japan war zu dieser Zeit allem Chinesischen gegenüber negativ eingestellt und die okinawischen Meister (insbesondere Gichin Funakoshi) hätten arge Probleme gehabt, ihre Kampfkunst in Japan zu verbreiten.

Technik und Strategie des Karate

Geradlinige, direkte Schlag-, Stoss- und Tritttechniken zur schnellen Beendigung eines Kampfes stehen zunächst im Vordergrund des Trainings. Dazu kommen Techniken zur effektiven Abwehr gegen Angriffe zu sämtlichen Körperregionen. Die Besonderheit des traditionellen Karate ist, dass die Abwehrtechniken bereits den Gegner angreifen, den eigenen Körper schützen und weitere Folgeangriffe direkt einleiten.
Diese wichtige Eigenschaft ist den Blocktechniken vieler moderner Karatestile verloren gegangen. Aus ihnen wurden defensive, reine Blocktechniken, die oftmals mit einem Rückwärtsgang kombiniert werden. Karate ist jedoch darauf aus, dem Angreifer mit der ersten eigenen Aktion die Angriffs-Initiative sofort abzunehmen. Dies mag auf den ersten Blick aggressiv erscheinen, jedoch hat der Angreifer in diesem Moment ja bereits die Initiative, aggressiv zu werden, übernommen und hat damit zunächst den Vorteil der ersten Aktion und des Vorwärtsdrangs. Dies stellt eine äusserst gefährliche Situation für die Gesundheit des »Verteidigers« dar.

In diesem Zusammenhang kam es in der Vergangenheit zu Fehlinterpretationen der Grundidee des Karate, welche sich heute leider weit verbreitet haben. Massgeblich für Verwirrung hat ein Grundsatz Gichin Funakoshis gesorgt, nachdem es im Karate keinen ersten Angriff geben würde. Weiter gefolgert hat man aus diesem Satz, dass ein defensiver Block erfolgen müsse und das auch die Kata immer mit einem Block beginnen würden. Dies ist schlicht falsch. Was heute oftmals als defensive (z.B. im Rückwärtsgang) Blockbewegung ausgeführt wird, war ursprünglich bereits die erste Stufe des Angriffs. Wenn man Funakoshis genauere Aussagen zu einer realen Konfrontation liest, wird es unmissverständlich klar, dass auch er nicht vom Verteidiger erwartet, sich in eine gefährliche Situation zu begeben durch diese Strategie des ersten Blocks. Die Grundidee besteht nicht darin, dass man sich zuerst zurückweichend in die Defensive begeben soll mit einer blockenden Bewegung um danach zu versuchen selbst anzugreifen. Ziel der Karatetechniken ist es, den eigenen Angriff bereits mit dem sogenannten »ersten Block« zu beginnen oder den Gegner direkt anzugreifen, indem man seinen Angriff umgehend den eigenen Angriff in ihn hineinträgt. Letzteres Prinzip benutzt auf den Weg in den Gegner hinein, ableitende Bewegungen, die den Gegner kaum spüren lassen, dass seine Angriffe umgeleitet werden. Entsprechend ist die Struktur der Karatetechniken und seiner Kata aufgebaut. Die Kata gehen entsprechend vorwärts oder in bestimmte Winkel, nicht rückwärts. Man arbeitet sich mit seinem Körper entlang einer Linie, welche auch heute noch als »Enbusen« bekannt ist. Der alte Sinn des Umgangs mit der Linie ist jedoch im modernen Katatraining nicht mehr wirklich zu finden.
Shihan Oshiro drückt es so aus: “Die modernen Kata haben den Bezug zu einem tatsächlichen Gegner verloren. Es ist für das Verständnis des Karate jedoch notwendig, den Gegner wieder in die Kata zurück zu bringen”

Der direkte Weg

Geradlinig ausgeführte Techniken, welche den direkten Weg auf das Ziel nehmen, sind schwer zu erkennen. Wenn sich der Körper ebenfalls geschmeidig dazu bewegen kann, lösen diese Bewegungen keine Reaktion bzw. keinen Blockreflex seitens des Gegners aus. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für den Fauststoß, sondern für sehr viele Techniken des Karate. Es gibt aber auch Hebel, Griffe, Stösse und Würfe, deren motorische Prinzipien in den alten Karate-Kata ebenfalls enthalten sind. Dazu gehören auch Techniken und Körperhaltungen zur Umgehung von Hebeln, Griffen oder Würfen.

Am besten beschreibt man okinawanisches Karate nicht als Sammlung einzelner Techniken, sondern als umfassende Bewegungsschule, so dass aus jeder vom Körper erlernten Bewegung – je nach Situation – eine andere Anwendung entstehen kann. Wesentliches Ziel des Karatetrainings ist es, einen Körper und ein Körpergefühl zu entwickeln, welche jederzeit zu effizienten Handlungen befähigen. Dafür ist die spielerische Beherrschung des eigenen Körpergewichts in Hinsicht auf das Ungleichgewicht notwendig. Schon im Kindesalter lernen wir unseren Körper immer in der Balance zu halten. Um die Masse des Körpers hinter die eigenen Techniken zu bringen, müssen wir dieses Gefühl bedarfsweise aufzugeben lernen. Die Masse bzw. der Schwerpunkt muss je nach Anwendung verlagert werden. Dies gilt für Schlagtechniken genauso wie für Hebel, Stösse und Würfe. Dieses Prinzip wird auch durch die Kata trainiert, insbesondere die Kata Naifanchi oder Tekki im modernen Karate sind hierfür Grundlagenkata. Da Körpereinsatz jedoch nur bedingt ohne ein tatsächliches Gegenüber trainiert werden kann, gibt es bei uns viele Partnerübungen zum Erlernen des Einsatzes der eigenen Körpermasse.

Kata – Wissen weitergeben

Die alten Meister haben von ihrem Wissen und ihren Erfahrungen wenig bis gar nichts niedergeschrieben. Ihre »Bücher« waren die Kata in Verbindung mit persönlich vermittelten Zusatzübungen und Wissen. Kata sind selbst kreierte oder übernommene Technik- und Bewegungsfolgen. Kampftaktik, -motorik und -technik wurden in China wie in Japan gerne in diese festgelegten Bewegungsabläufe gebündelt. Erfahrung und Wissen durch festgelegte, zu wiederholende Bewegungsmuster oder ritualisierte Tänze weiter zu geben, ist eine Methode, welche die Menschheit auf fast allen Gebieten anwandte. Sie ist wahrscheinlich so alt, wie die Menschheit selbst.

Karate war nicht waffenlos

Es war auf Okinawa üblich, das waffenlose Karate mit dem Kobudo, insbesondere mit dessen Hauptwaffe »Bo« (Langstock) zu verknüpfen. Von der Vielzahl an weiteren Kobudowaffen trainieren wir hauptsächlich den Umgang mit dem Langstock Bo, den eisernen Sai un den hölzernen Tunfa (Tonfa). Das zufriedenstellende Beherrschen dieser Waffen im Yamanni-Ryu erfordert bereits intensives Training. Der allgemeine aber auch der karatespezifische Nutzen dieses Trainings fürden Körper und dessen Beweglichkeit ist immens.
Nicht umsonst haben die »alten« Karatemeister auch den Umgang mit dem Langstock »Bo« trainiert. Eine Trennung von Karate- und Botraining war damals undenkbar. Dies steht ganz im Gegensatz zur Entwicklung des modernen Karate. Das moderne Karate hat sich vom Kobudo abgekapselt, obwohl auch der sogenannte Vater des modernen Karate, Funakoshi Gichin,  noch Bo und Sai als Ergänzung zum Karate trainiert hat. So beinhalten die modernen Karatekata immer noch Techniken aus dem Bereich des Bo.

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Während sich das Karate im 20. Jhdt durch Vorführungen, Shows und Wettkämpfe rasant verbreitete, trat diese Entwicklung im Kobudo viel gedämpfter auf. So gibt es heute viele Karateka von denen sich nur sehr wenige mit den alten Waffen beschäftigen. Eben diese Waffen hatten jedoch auf Technik und Kata des Karate grossen Einfluss. Dies ist schade und es ist an der Zeit hier für mehr Aufklärung zu sorgen. Shihan Toshihiro Oshiro begann sich diesem Ziel bereits vor einigen Jahrzehnten zu widmen. Aus seiner Arbeit sprossen bereits einige Oshiro-Dojos in Deutschland. Zwar bedeutet die Kombination von bewaffneten und unbewaffneten Training auch intensivere Arbeit, diese zahlt sich jedoch aus. Mangelndes Wissen und Training im Zusammenhang mit der engen Verflechtung des alten Karate mit dem Langstock Bo führt ansonsten zu fehlenden Erkenntnissen in Bezug auf die Ausführung der Karatetechniken. Dies beginnt bereits beim Bilden der Faust, der offenen Hand oder dem Einsatz der Muskeln und Gelenke. Der traditionelle Umgang mit dem Bo bietet grundlegendes Training, welches ansonsten fehlen würde. In kämpferischer Sicht beherbergt die Herausforderung einen höchst flexiblen Umgang mit einem ansich starren Objekt wie dem Bo zu meistern starkes Potential. Ergebnis des Trainings ist u.a. ein äusserst geschmeidiger und starker Körper, der auch noch im mittleren und höheren Alter einsatzbereit ist. Mit Sai oder Bo ausgerüstet kann man auch im Freien trainieren. Dies ergibt ein spannendes und vielseitiges Trainingsprogramm für Körper und Geist. Techniken oder Kata können je nach Bedarf langsam und entspannend oder schnell und kräftig ausgeführt werden. Mehr zum Kobudo hier Yamanni-Ryu.