{"id":4461,"date":"2020-06-09T20:22:53","date_gmt":"2020-06-09T18:22:53","guid":{"rendered":"http:\/\/karate-nord.de\/wp\/?page_id=4461"},"modified":"2023-09-12T16:29:25","modified_gmt":"2023-09-12T14:29:25","slug":"das-geruecht-der-leeren-hand","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/karate-nord.de\/wp\/wissenswertes\/das-geruecht-der-leeren-hand\/","title":{"rendered":"Das Ger\u00fccht der leeren Hand"},"content":{"rendered":"<h3><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2780 alignleft\" src=\"https:\/\/karate-nord.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/IMG_5535-e1572883912181.jpg\" alt=\"\" width=\"138\" height=\"255\" srcset=\"https:\/\/karate-nord.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/IMG_5535-e1572883912181.jpg 453w, https:\/\/karate-nord.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/IMG_5535-e1572883912181-162x300.jpg 162w\" sizes=\"auto, (max-width: 138px) 100vw, 138px\" \/><\/strong><\/h3>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>\u7a7a\u624b. <\/strong><\/span>Karate wird heute von vielen als vom Kobudo unabh\u00e4ngig betrachtet. Zu diesem Missverst\u00e4ndnis trug um 1935 eine \u00c4nderung des \u201ealten\u201c Kanji f\u00fcr \u201eKara\u201c bei. Haupts\u00e4chlich benutzte man vor der \u00c4nderung das Kanji f\u00fcr Chinas <strong>T\u2019ang Dynastie<\/strong> (617-907), welches neben &#8222;To&#8220; ebenfalls \u201eKara\u201c gesprochen werden kann <span style=\"color: #ff0000;\"><strong>(\u5510\u624b)<\/strong><\/span>. Diese Bezeichnung ber\u00fccksichtigt den Bezug der okinawanischen Kampfkunst zu China. Okinawa betrieb intensivste Handelsbeziehungen und kulturellen Austausch mit China <span style=\"color: #999999;\">(<a style=\"color: #999999;\" href=\"http:\/\/karate-nord.de\/wp\/karate\/geschichte-des-karate\/\">Geschichte<\/a>)<\/span>.<\/p>\n<p>Von den beiden Karaterichtungen Shorei- und Shorin-Ryu hat die erstere gr\u00f6\u00dferen Bezug zu China, w\u00e4hrend das Shorin-Ryu mit den Prinzipien der Kobudowaffen und dem japanischen Schwert verbunden wurde. Kennzeichnend daf\u00fcr sind z.B. dessen schmale St\u00e4nde und das Abdrehen (Hanmi) des Oberk\u00f6rpers. Die bei Trefferwirkung immer wirksame, vertikale Schwachpunktlinie (Seichusen \u2013 Herz, Solar Plexus, Genitalien), ist dadurch vor einem direkten Angriff gesch\u00fctzt. Dazu kommt eine gr\u00f6\u00dfere Reichweite der Arme bzw. der Waffe, wenn eine Schulter vor gestreckt wird &#8211; im Gegensatz zum frontal gehaltenen Oberk\u00f6rper.<\/p>\n<p>Das neue &#8222;Kara&#8220; Te bedeutet oberfl\u00e4chlich \u00fcbersetzt &#8222;leere&#8220; Hand. Jedoch bezieht sich das gew\u00e4hlte Kanji f\u00fcr &#8222;Leer&#8220;, Funakoshi Gichin selbst schreibt, auf einen tieferen, mentalen Aspekt der Kunst. Es meint einen anzustrebenden <span style=\"color: #800000;\"><a style=\"color: #800000;\" href=\"http:\/\/karate-nord.de\/wp\/zen-im-karate\/\"><span style=\"color: #999999;\">Geisteszustand<\/span><\/a><\/span>. Das neuere Kanji wurde damals gegen den Widerstand vieler okinawanischer Meister in den offiziellen Gebrauch eingef\u00fchrt. Gelegentlich tauchte es allerdings bereits weit vor seiner offiziellen Einf\u00fchrung im Gebrauch einzelner Meister auf. Von Chomo Hanashiro (Bild, vordere Reihe, 2. von rechts)\u00a0 ist bekannt, dass er das moderne Kanji bereits um 1905 gebrauchte.<\/p>\n<p>Hinter der Entscheidung stand nicht Funakoshi alleine, sondern ein Gremium\u00a0 mehrerer okinawanischer Meister. Einige dieser Meister weilten bereits auf der Hauptinsel Japans mit der Aufgabe das okinawanische Karate publik zu machen und zu verbreiten. Dieses Gremium kam 1936 zusammen. Es bestand beim ersten Treffen aus Meistern wie Chomo Hanashiro, Kyan Chotoku, Choki Motuobu, Chojun Miyagi und weiteren. Funakoshi war beim ersten Treffen nicht anwesend, jedoch schon \u00fcber ein Jahrzehnt in Tokyo aktiv. Eine Mitschrift der Diskussion rund um Vor- und Nachteile einer \u00c4nderung des Kanji ist bis heute \u00fcberliefert. Es gab f\u00fcr und wider, eine Entscheidung wollte man noch nicht treffen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4468\" aria-describedby=\"caption-attachment-4468\" style=\"width: 273px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4468 size-full\" src=\"http:\/\/karate-nord.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/meeting-1936-e1591729122739.jpg\" alt=\"\" width=\"273\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/karate-nord.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/meeting-1936-e1591729122739.jpg 273w, https:\/\/karate-nord.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/meeting-1936-e1591729122739-77x60.jpg 77w\" sizes=\"auto, (max-width: 273px) 100vw, 273px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4468\" class=\"wp-caption-text\">Das Treffen 1936 ohne Funakoshi<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Entscheidung fiel dann kurze Zeit sp\u00e4ter und wurde in Anwesenheit Funakoshis getroffen. Das &#8222;neue&#8220; Kanji schreibt sich seitdem offiziell\u00a0 <strong>\u7a7a\u624b<\/strong>. Bei der Entscheidung d\u00fcrfte eine bestimmte \u00dcberlegung ausschlaggebend gewesen sein. Da Japan zu dieser Zeit allem Chinesischen ablehnend gegen\u00fcber eingestellt war, konnte man auf der Hauptinsel Japans unm\u00f6glich das alte Zeichen weiter benutzen.<\/p>\n<p>Funakoshi hat sich intensiv mit den Zusammenh\u00e4ngen von Kampfkunst und buddhistischer Philosophie auseinander gesetzt. Wie Funakoshi schreibt, meint das modernere Kanji den anzustrebenden, geistigen Zustand \u2013 n\u00e4mlich den Kopf frei zu machen von st\u00f6renden Gedanken. Die eigentliche Bedeutung des gew\u00e4hlten Zeichens f\u00fcr &#8222;leer&#8220; ist also philosophisch gepr\u00e4gt. Funakoshi schreibt in seinem Meistertext: &#8222;<em>Form ist Leere, Leere ist die Form selbst. Das Kara des Kara Te Do hat eben diese Bedeutung&#8220;.<\/em> Sich von st\u00f6renden Gedanken bei Bedarf frei oder &#8222;leer&#8220; machen zu k\u00f6nnen, ist eine wichtige Eigenschaft im Leben sowie im Kampf. Es beschreibt einen z.B. in Gefahrensituationen anzustrebenden geistigen Zustand. Der eigene Geist soll frei (leer) sein von ablenkenden Gedanken oder Gef\u00fchlen, um im Moment der Gefahr frei und unverz\u00fcglich agieren zu k\u00f6nnen. Hieraus leiten sich auch Verbindungen der Kampfkunst zum Zen-Buddhismus und ihren Wurzeln im chinesischen Kung Fu her. Neben vielen anderen M\u00f6glichkeiten, die das Katatraining bietet, kann die Kata vielfach wiederholt ausgef\u00fchrt, als ein Mittel f\u00fcr eine &#8222;bewegte&#8220; Meditation zur \u00dcbung dieses Zustandes dienen. So lernt man, auch in der Bewegung Ruhe (vor den eigenen Gedanken) zu finden und nicht an dem, was kommt oder dem was war, haften zu bleiben. Man lebt dann im Moment. Der Moment ist die einzig existierende Zeit. Insbesondere ein Kampf verlangt es, m\u00f6glichst viele Information im Moment wahrnehmen und f\u00fcr sich nutzen zu k\u00f6nnen. Spekulationen \u00fcber das, was gleich passieren mag oder haften an dem, was bereits geschah, kann zu Verwirrung, \u00dcberraschung und verminderter oder unangemessener Reaktion unsererseits f\u00fchren. Von uns verlangt der Moment, m\u00f6glichst wenig \u00fcber eigene Intentionen, Strategien, Waffen und F\u00e4higkeiten preis zu geben. So gibt es in den Kata beispielsweise keine wettkampfartige Kampfhaltung. Ein Kampf ist idR. in Sekunden entschieden und hat ganz andere Regeln als ein Wettkampf. Eine Wettkampfhaltung w\u00fcrde unsere Kampfbereitschaft verraten und uns den wichtigen \u00dcberraschungsmoment nehmen. K\u00f6nnen wir einen Kampf jedoch durch das Zeigen von furchtloser Kampfbereitschaft verhindern, ist es eine dagegen gute Strategie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u7a7a\u624b. Karate wird heute von vielen als vom Kobudo unabh\u00e4ngig betrachtet. Zu diesem Missverst\u00e4ndnis trug um 1935 eine \u00c4nderung des \u201ealten\u201c Kanji f\u00fcr \u201eKara\u201c bei. Haupts\u00e4chlich benutzte man vor der \u00c4nderung das Kanji f\u00fcr Chinas T\u2019ang Dynastie (617-907), welches neben &#8222;To&#8220; ebenfalls \u201eKara\u201c gesprochen werden kann (\u5510\u624b). 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