Geschichte des Karate

Oki Nawa

Okinawa. »Oki« hat die Bedeutung »Meer« und »Nawa« kann mit »Band« über­setzt werden. Ein Band ist lang und schmal. Genau so ist auch die Insel­­gruppe um die Hauptinsel Okinawa geformt, die wie eine Perlenkette zwischen Japan und China im Pazifik aufgereiht ist. Früher wurde die Inselgruppe Ryukyu oder auch Loo Choo genannt. Die Breite Okinawas beträgt zwischen 5 und 25 km während die Länge etwa 100 km entspricht. Die Inseln reichen von Kyushu bis nach Taiwan und trennen an dieser Stelle den Pazifik vom Ostchinesischen Meer.

Shorin- und Shorei-Ryu heißen die beiden ursprünglichen Karatelinien, die aus der einheimischen Kampfkunst „Te, Ti oder Di“ genannt (Hand) entwickelt wurden. Dazu kombinierten die okinawanischen Meister ihr Wissen um das Te mit den sogenannten harten und weichen, äusseren und inneren chinesischen Kampfstilen. Okinawa pflegte bereits Handelsbeziehungen mit China, lange bevor es auch mit Japan anbandelte. Vorher betrieb Japan lange Zeit eine Politik der Isolierung von anderen Ländern. Die Entfernung Okinawas zur Hauptinsel Japan ist in etwa gleich der zu China. China ist der Geburtsort der Kung-Fu oder Wushu Kampfstile.

Monument zu Ehren der 36 chinesischen Familien. Am oberen Rand befinden sich die Familienwappen.

Um 1400 siedelten chinesische Familien nach Okinawa um. Sie werden die »36 Familien« genannt. Ihnen zu Ehren ist auch heute noch ein schiffsförmiges Monument aus Stein auf Okinawa zu finden. Dieses Monument trägt die 36 Wappen dieser Familien und steht im ehemaligen Ortsteil Kumemura nahe eines ebenfalls extra angelegten chinesischen Gartens.

Hier wurde ein Teil des Zentrums Okinawas für die chinesische Kultur bereitgestellt und der Austausch zwischen Chinesen und Einheimischen optimiert. Die Chinesen sollten ihre Kultur und damit einhergehend auch chinesische Kampfkunst mit nach Okinawa bringen. Regelmäßig fanden in Kumemura wissenschaftlich und künstlerisch angelegte Übungen und Vorführungen statt. Es gab dazu sogar Programmhefte von denen eines aus dem Jahre 1867 noch erhalten ist. In ihm findet sich die vielleicht erste schriftliche Bezeichnung, welche mit „To De“ bzw. „Karate“ zu lesen ist. Auch Kata waren im Programm enthalten und sind beispielsweise mit „108 Schritten“ bezeichnet.

Im Park von Kume sah ich diesen Stein, welcher chinesische Schriftzeichen und Figuren zeigt, die in der gleichen Art und Haltung im Bubishi vorhanden sind. Die Figuren gleichen Abbildungen im Bubishi. Es scheint ein Gedenkstein zu sein, welcher einem oder zweien mit den rechten Zeichen spezifizierten und hoch angesehenen chinesischen Kampfkunstmeistern gewidmet ist. Links in klein gehalten ist die Signatur des Steinmetzes. Die chinesischen großen Charaktere bedeuten meiner Recherche nach, dass dieser Stein hoch gestellten (Schicht) Menschen von absolut exzellenter Fertigkeit gewidmet ist. Eine Ehrung, welche man sich nicht höher auf dem eigenen Grabstein wünschen konnte.

Über die Chinesen gelangte wahrscheinlich ein bedeutendes Buch über die chinesische Kampfkunst und die Medizin (das Bubishi) nach Okinawa und auch in die Hände der dortigen Meister. Dessen 32 Kapitel behandeln nicht nur Kampftechniken, sondern auch den menschlichen Körper dessen Vitalpunkte sowie medizinische Aspekte der Heilung. Anderen Berichten nach kam das Bubishi über Higaonna Kanryo nach Okinawa, nachdem dieser es während seines Aufenthalts in China um 1865 bei seinem Lehrer abschreiben durfte.

Es gibt Berichte zweier weiterer Schriften, die offenbar nicht zum Bubishi gehören. Diese sollen auf den indischen Mönch Dharuma (Bodhidharma) zurück gehen, der sie dem Shaolin Tempel hinterließ. Dharuma gelangte um das Jahr 500 nach China zum Shaolin Tempel und lehrte dort den Buddhismus. Er lehrte die Mönche eine Form der kampfkunstbasierten Methodik, um sie körperlich und mental stark zu machen, damit sie die langen Meditationen durchhalten, gesund bleiben und wahrscheinlich auch den Tempel im Notfall verteidigen können. Diese Schriften heißen „Ekkinkyo“ und „Senzukyo“ und beziehen sich auf äußerliche Aspekte der Kampfkunst, Abhärtung und Stärkung, sowie auf tief ins Innere (Knochen, Gelenke und Sehnen optimierende) des Körpers wirkende Übungen. Man kann davon ausgehen, dass sie die Basis des Shaolin Kung-Fu und des Qi-Gong darstellen. Texte aus diesen Büchern existieren auch heute noch und verschiedene okinawanische Meister um 1900 verwendeten Auszüge in ihren Schriften.

Einfluss chinesischer Meister. Die Namen der Kata zeigen den Einfluß chinesischer Kampfkünstler auf das Karate auf. Es sind Namen wie Chinto (moderner Name Gangaku), Kushanku (Kanku), Wanshu (Enpi). Die chinesischen Kampfkünste hatten den waffenlosen Kampf bereits sehr weit entwickelt. Das chinesische Schriftzeichen für »Wu« (von Wu Shu, japanisch »Bu«) bedeutet soviel wie »stoppe Waffen (Lanzen)« in einer weiteren Bedeutung, einen Kampf direkt zu beenden oder aber abwenden zu können. Viele chinesische Lehrer bekräftigen mit dieser Erklärung auch einen »pazifistischen« Charakter ihrer Kampfkunst. So ist es demnach das Grundziel einer Kampfkunst, den physischen Kampf zu vermeiden oder bereits im Keim zu ersticken.

So kann man es auch als Grundidee des traditionellen Karate betrachten, dass ein für beide Seiten gefährlicher Kampf sofort beendet werden, oder besser noch, gänzlich vermieden werden sollte. Der Oberbegriff für chinesische Kampf­künste  »Wu Shu« ist relativ modern und wird in China oftmals lediglich mit Bezug auf die modernen und aus den klassischen Kampfstilen abgeleiteten Kampf­sport­arten gebraucht. In nicht so sehr staatlich beeinflussten Gefilden wie Taiwan wird eher von Gong Fu oder Quan Fa gesprochen. Gong Fu bedeutet »Zeit, Energie« und »Arbeit« und beschreibt den Umstand, dass viel Zeit und Mühe investiert werden muß, um ein körperliches und geistiges Verständnis für die Techniken, Prinzipien und der Motorik der Kampfkünste zu erlangen. Quan Fa kann man als die »Methode der Faust« oder einfach Fausttechnik übersetzen. Während sich Gong Fu nicht allein auf das Meistern der Techniken der Kampfkünste bezieht, so ist der Begriff Quan Fa nur für diese reserviert. Nach Japan importierte Quan Fa Stile finden sich dort unter dem Sammelbegriff »Kempo« wieder.

Zum Schutz vor den immer drohenden Angriffen durch Piraten (Waka), mußte zu den Schiffsbesatzungen auch immer in der Kampfkunst ausgebildetes Personal gehören. Auf Okinawa hat das heute überall bekannte Karate etwa ab dem 18. Jahrhundert begonnen, seine Gestalt anzunehmen. Eine der wichtigsten Kata des Shorin-Ryu, die Kushanku, wurde nach einem chinesischen Lehrer benannt, dessen Schüler Sakugawa Kanga (1733-1815) war. Sakugawas bekannte Schüler Okuda, Makabe und Matsumoto hießen. Makabe unterrichtete Matsumora Kosaku aus Tomari und den für die Shorin Linie bekannten Matsumora Sokon (ca 1800-1890). Oftmals wird Sakugawa selbst als Matsumuras Lehrer angegeben. Anhand der Geburts-/ Sterbedaten schon ist dies kaum wahrscheinlich.

Kushanku. Zu den wenigen schriftlichen Zeugnissen dieser Zeit gehören von Tobe Yoshihiro um 1762 verfasste Berichte. Sie werden Oshima Hikki (Aufzeichnungen der großen Insel) genannt und in ihnen befindet sich auch Kushankus Name. Demnach erreichte Koshankin (Kushanku) begleitet von einigen Schülern Okinawa in einem chinesischen Handelsschiff einige Jahre bevor Tobe seine Aufzeichnungen nieder schrieb. Die Kushanku Kata ist in verschiedenen alten und neueren Versionen erhalten und diese prägen das Shorin Ryu Karate. Die Anzahl geht über die neueren Shotokan Kanku Dai und Sho und die traditionellere Chatanyara Kushanku und Kushanku Sho bis hin zur heute kaum mehr bekannten Matsumura Kushanku.

Schloss Shuri. Hof mit Hauptgebäude

Naha, Shuri und Tomari. Es bildeten sich die drei nahegelegenen Städte Shuri, Tomari und Naha als Entwicklungszentren des Karate und Kobudo heraus. Aus ihnen bildeten sich zwei verschiedene Richtungen des Karate. Zum einen das Shorin Ryu mit starker Verbindung zum flinken und wendigen bewaffneten Kampf/ Kobudo und Prinzipien des japanischen Schwertes. Zum anderen das Shorei Ryu, welches den chinesischen Wurzeln deutlich näher blieb und starken Wert auf Abhärtung und verwurzelte Stände legt. Da die Shorin Linie  Angriffe mit scharfen Schneiden ebenbürtig mit unbewaffneten Angriffen einbezieht, legt sie Wert auf leichte und wendige Bewegungen und Stände, die so unverwurzelt dynamisch sind, wie ein entsprechender Kampf.

Die Ryu Kyu Inseln (heutiges Okinawa) waren um 1400 in die drei Königreiche Hokuzan, Chuzan und Nanzam zersplittet. Alle drei Reiche betrieben Handel nach Übersee. König Sho Hashi vereinigte die drei Reiche und legte den Grundstein für das Köniogreich Ryu Kyu. Um 1429 legte er das Kapitol und die Verwaltung in das Schloß Shuri (Shurijo) und war damit den größten Handelshäfen in Tomari und Naha sehr nah.

In das Hauptgebäude des Shurijo gingen lediglich der König oder chinesische Oberhäupter direkt hinein.

Unsere Karaterichtung Shorin-Ryu hat ihre Wurzeln in Shuri und Tomari. Durch den Einfluß chinesischer Kampfkünste und unter Einbeziehung von bereits bekannten und erprobten Prinzipien aus dem japanischen Schwertkampf und einer bereits bestehenden waffenlosen Kampfkunst, fand die Entwicklung der Kampfkunst statt, aus der auch das heute sehr bekannte Karate entstand.


Die Samurai.
Der Kampfstil der Shimazu Samurai nennt sich »Jigen-Ryu«. Besonderes Merkmal des Stils ist das Augenmerk auf die Beendigung des Kampfes mit einem Hieb. Die Samurai entwickelten einen sehr speziellen Schwerthieb, den sie »Flammenwolke« nannten. Dieser Hieb war Grundlage des Trainings und wurde auf Wucht und Schnelligkeit perfektioniert, so dass es kaum mehr möglich war, ihn abzuwehren. Gegnerischen Samurai soll beim Versuch, den Schwerthieb der Satsuma zu blocken, das eigene Schwert tief in die Haut gedrückt worden sein. Selbst ein Versuch auszuweichen war schwierig, denn das Schwert des Samurai schoss wie ein Blitz aus dem Himmel nach unten aus der ge­ho­benen Haltung mit der Schwertspitze in Richtung Himmel.
Das Shorin-Ryu Karate sowie das Yamanni Ryu Kobudo zieht die Unmöglichkeit des Blockens eines sehr gut trainierten und bewaffneten Gegners in Betracht und legt daher sehr viel Wert auf eine schmale Körperhaltung, so wie auch auf eine dynamische Beweglichkeit aus der heraus Angriffe erfolgen. Weil ein Abhärten des Körpers gegen Waffen (insbesondere natürlich Schnittwaffen) nicht möglich ist, liegt ein großer Trainingsschwerpunkt auf der Beweglichkeit und des Umgehens von Angriffen während man selbst angreift. Ein reines Blocken wird vermieden, da dieses selbst im Erfolgsfall keinen direkten Vorteil bringt. Ein aggressiver Gegner stoppt seinen Angriff nicht aufgrund eines erfolgreichen Blocks und es wird umso schwieriger, ihm die Angriffinitiative abzunehmen, je länger die Auseinandersetzung dauert.

Allen (modernen) Gerüchten über Waffenverbote zum Trotz, hatten okinawanische Meister wie Sokon »Bushi« Matsumura im 19. Jh. die Erlaubnis, den beschriebenen Schwertkampfstil in Satsuma zu lernen. Auch Funakoshi Gichins Lehrer, Anko Asato übte sich im Umgang mit dem Samuraischwert. Dies sind Tatsachen, die an einer Schreckensherrschaft der  Shimazu-Samurai aus dem japanischen Satsuma zweifeln lassen. Das Prinzip des »Tötens mit einem Schlag — Ikken Hisatsu« pflanzte sich in das okinawisches Karate fort, indem effektive Techniken entwickelt werden sollen und ein Kampf möglichst schnell beendet werden soll. Sokon Matsumura zeigt sich für die Entwicklung des Shuri-Te Stils verantwortlich, welcher Grundlage für das Shorin-Ryu und sehr viele moderne Karatestile ist.

»Te (De)« – die eigene Kampfkunst der Okinawaner. Die gebräuchlichsten Waffen der Krieger Okinawas zur Zeit der ersten Sho-Dynastie (1409-1469) waren das Schwert und der Speer. Bis zu dieser Zeit waren die Okinawa zugehörigen Inseln ständig in Kleinkriege und Fehden verwickelt. Der Umgang mit dem Kampf hat sich also prägend auf die Kultur ausgewirkt. Seit etwa dem 7. Jhdt entwickelte sich auf Okinawa mit der Te (okinawisch »De«) genannten Kampfkunst bereits eine native Form des Zweikampfes.

Das Te ist mit den Kobudowaffen und auch dem Schwert technisch verknüpft worden. Das Te zeichnet sich im Gegensatz zum To-de durch weitläufige, kreisende Bewegungen aus während das To-de die direkte Linie sucht. Besonders die Motobu Familie hat zuletzt mit dem 1926 verstorbenen Famlienerben Motobu Choyu die Kunst des Te bewahrt. Nach Choyuns Tod hat Uehara Seikichi den Stil fortgeführt und etwa 1945 »Motobu-Ryu« benannt. Man sieht Bewegungsprinzipien des Te in verschiedenen okinawischen Tänzen enthalten. Hieran läßt sich die tiefe Verwurzelung des Te in die okinawischen Kultur erkennen. Prinzipien der Bewegungsart der Kampfkunst derart in die eigene Kultur aufzunehmen, dass sich fast jeder bewusst oder unbewusst damit beschäftigt, ist eine sehr originelle Idee. Wer sich so später für den Weg der Kampfkunst entschied, war bereits in gewisser Weise vorbereitet.

Der bewaffnete Kampf wurde natürlich besonders ausgefeilt und Prinzipien anhand der Er­fah­run­gen auf Kriegsschauplätzen und Stammesfehden verfeinert. Die zweite Sho-Dynastie dauerte von 1470-1879. Zur Zeit dieser zweiten Sho-Dynastie geschahen die beiden Ereignisse, die später offenbar irrtümlich zu den beiden strikten Waffenverboten aufgebauscht wurden, aus denen letztlich das Karate hervorgegangen sein soll.


Waffenverbote und Karate.
Viele Buchautoren schreiben über die Eroberung Okinawas durch Samurai, brutale folgende Jahrhunderte und über ein in Okinawa verhängtes Waffenverbot. Diese Waffenverbot wird für die Entwicklung des Karate verantwortlich gemacht. Einige okinawische Meister schrieben in ihren Büchern über die oben genannten Ereignisse und folgende Generationen von Autoren haben diese Schilderungen direkt übernommen oder nach Belieben noch etwas ausgeschmückt. Manchmal wird sogar geschrieben, dass in Karate und Kobudo versierte Bauernarmeen halfen, dem Angriff der Samurai zu trotzen. Tiefergehende Prüfung auf Kausalität wurde meist nicht unternommen. Mittlerweile sind alte Dokumente und Ergebnisse unbefangener Nachforschungen zu diesem Thema verfügbar. Schlußfolgernd steht die Erkenntnis, dass es zwei Mal Änderungen zu Waffengesetzen bzw. Vorgaben für die bewaffneten Schichten gab. Offenbar waren es keine wirklichen Verbote und die Zeit Okinawas unter der Herrschaft der Samurai war vermutlich auch nicht so unbeschreiblich schwierig, wie manchmal selbst von Okinawanern geschildert. Nachfolgend meine Ergebnisse, die sich aus der Auswertung verschiedener Quellen und anhand von Gesprächen mit anderen Karateka und auch okinawanischen Meistern ergeben hat. Diese Meister beschäftigen sich ebenfalls intensiv und neutral mit diesem Thema…


Erstes “Waffenverbot”
. Das erste Ereignis, welches man »Waffenverbot« nennen könnte, ereignete sich zur Sho-Shin Zeit (1477-1526). Es ging dabei sich jedoch viel eher um eine Maßnahme der zentralen Regierung unter König Sho Hashi (1372-1439) aus Chuzan und galt der Beseitigung des historisch bedingten »Drangs verschiedener Stämme zu kämpfen« und zur Festigung eines friedvollen Lebens der 3 Königreiche Chuzan, Nanzan und Hokuzan miteinander. Zuvor waren diese drei gesplitteten Königreiche der Ryu Kyu Inseln mit­einander zerstritten und bekriegten sich immer wieder. Sho Hashi gelang die Vereinigung der drei Königreiche. Es handelte sich bei König Sho Hashis Erlass wahrscheinlich eher um eine Umsiedelung der Kriegerklasse um das Gebiet des Königssitzes (Schloss Shuri) herum und um eine bessere Kontrolle der bis dahin unkontrolliert über die ganze Insel verstreut gehaltenen Kriegswaffen. Schließlich wollte man ein wieder aufflammen von Aufstandsszenarien verhindern. Das Schloß Shuri befindet sich nahe der Hafenstadt Naha. Diese wurde immer wieder durch Piraten (Waka) angegriffen und war ein strategisch wichtiger Ort. Die offizielle Armee und die Sicherheitsorgane des Königs konnten sich natürlich weiterhin frei im Waffentraining üben und besaßen Waffen. So friedlich, wie oft zu lesen ist, war es auf Okinawa also sicherlich nicht.

Auch war es auf Okinawa Brauch, ein Familienschwert zu besitzen. Diese Familienschwerter wurden den Okinawanern erst von den amerikanischen Besatzern nach dem zweiten Weltkrieg entwendet. Geschichten in Karatebüchern, dass ein Dorf während der Samuraiherrschaft lediglich ein bewachtes oder angekettetes Messer benutzen durfte, sind also vermutlich Ergebnisse blühender Fantasie. Es gibt Vermutungen, dass die Amerikaner diejenigen waren, die nach ihrem Sieg im zweiten Weltkrieg durch ihre Sammelsucht nach japanischen Schwertern, den Okinawanern sämtliche Schwerter »entrissen« haben. Dieser Umstand hat sich dann fälschlicher Weise in Überlieferungen auf die Samurai aus Satsuma übertragen. Demnach könnten es auch die brutalen Erlebnisse des zweiten Weltkrieges gewesen sein, die fortan das kollektive Denken der Okinawer dahingehen beeinflusst haben, dass sie sich wünschten friedfertig und ohne Waffen auszukommen bzw. in der Vergangenheit ausgekommen zu sein.


1609 –
Zweites “Waffenverbot”. Ein zweites Mal wurde vielen Schilderungen zur Folge, nach der erfolgreichen Invasion der aus Satsuma stammenden Shimazu-Samurai, durch diese ein strikteres Waffenverbot verhangen und dessen Einhaltung überwacht. Zudem soll eine lange Zeit der brutalen Herrschaft über die okinawische Bevölkerung hereingebrochen sein, welche diese veranlasste, sich insgeheim zu organisieren und die unbewaffnete Kampfkunst Karate zu entwickeln sowie landwirtschaftliche Gegenstände in Waffen zu verwandeln.

Der Konflikt Okinawas mit Japan und speziell den Samurai aus Satsuma ereignete sich zur Sho-Shitsu Zeit (1648-1668). Etwa 1440 begann Okinawa freundschaftliche Handelsbeziehungen zu Japan zu pflegen, welche historischen Schriften folgend mit einem Geschenk Okinawas an Japan in Form von Goldmünzen begann. Zu dieser Zeit waren in Japan hauptsächlich Kupfermünzen üblich und Goldstaub mußte aus China bezogen werden. Daher war dieses Geschenk herzlich willkommen. Zur japanischen Provinz Satsuma pflegte Okinawa in der Folgezeit besondere Beziehungen. Zu Anfang des 17. Jhdt verschärften sich die Beziehungen zwischen Japan und China und bewaffnete Konflikte kündigten sich an.

Ein Minister (Jana) des damaligen okinawischen Königs, wollte unbedingt die seit Jahrhunderten bestehenden, guten Beziehungen zu China aufrecht erhalten. Jana brachte den König dazu, den Kontakt zu Japan abzubrechen. Der Fürst der Samurai aus Satsuma (Shimadzu Iyehisa) schickte daraufhin verwundert einen Gesandten nach Okinawa, um in Erfahrung zu bringen, was vor sich geht. Minister Jana wiederrum war es, der die Gesandschaft aus Satsuma, ohne eine Erklärung abzugeben, mit deutlicher Respektlosigkeit zurückwies. Daraufhin machte der japanische Shogun den Samurai aus Satsuma alle Wege frei, sich die Herrschaft über Okinawa erobern zu können. Der Einmarsch der Samurai geschah im Jahr 1609.

Nach siegreicher Beendigung der Kämpfe verhafteten die Satsuma Samurai den okinawischen König sowie Minister Jana und eine weitere Person und brachten sie für eine kurze Zeit nach Satsuma. Dort wurde vertraglich geregelt, dass Okinawa von nun an unter die Herrschaft der Satsuma fällt und keine eigenen Wege mehr ohne Erlaubnis gehen kann. Minister Jana war der einzige, der es wagte, diesen unangenehmen Vertrag nicht zu unterschreiben. Daraufhin soll er geköpft worden sein.

Shoshin Nagamine (Matsubayashi Shorin Ryu) spricht in einem Interview von grosser Brutalität der Samurai den okinawischen Einwohnern gegenüber. Diese Brutalität wurde aber offenbar nur während des Einmarsches der Samurai gegen die sich wehrende okinawanische Armee angewendet und an Minister Jana, als er sich weigerte, den »Verlierervertrag« zu unterzeichnen.

Doch keine Waffenverbote. Es ist eine Ausgabe des Phoenix-Magazins von 1873 durch das Karatemuseum auf Hawaii veröffentlicht worden. Darin befindet sich ein detailiierter Bericht des Herausgebers des Magazins (James Summers), einem londoner Professor für chinesische Sprache über die Geschichte Okinawas, insbesondere über die Zeit um den Konflikt mit Japan im Jahre 1609. Dieser Artikel ist einerseits eine neutrale Quelle, andererseits vor der Massenverbreitung des Karate und Entstehung damit verbundener Geschichten und Mythen verfasst. Es findet sich kein Wort über Waffenverbote oder einer Schreckensherrschaft durch die Samurai. Weitergehend gibt der Artikel einen Bericht von dem Japaner Tomioka Shiuko wieder, der diesen etwa 1850 abgab. Hier werden die Okinawer als sehr gute Bogenschützen zu Pferde und als gute Scharfschützen mit dem Luntenschussgewehr (Muskete) beschrieben. Dies ist ein deutlicher Hinweis, dass kein Waffenverbot bestand. Außerdem heißt es, die Okinawer haben besondere Fähigkeiten im »Boxen«, so dass ein gut trainierter Kämpfer Wasserkrüge zerschlagen oder einen Menschen mit einem einzigen Schlag töten kann. Also ist auch von einer absoluten Geheimhaltung der Kampfkunst und ihres Potentials hier keine Spur zu finden. Die Zeit der umstrittenen »Bevormundung« Okinawas durch die Samurai endete 1875 und Okinawa wurde als offizieller Teil Japans anerkannt.

Karate wird um 1905 öffentlich und beginnt ca 20 Jahre später sich über die Hauptinsel Japans um die ganze Welt zu verbreiten. Mehr zu den beteiligten Personen gibt es bei „den Vätern des modernen Karate“.