Ein bisschen Zen – Zen Geschichten

Der Schüler ging zum Meister und fragte ihn: „Wie kann ich mich von dem, was mich an die Vergangenheit heftet, lösen?“ Der Meister stand auf, ging zu einem Baumstumpf, umklammerte ihn und jammerte: „Was kann ich tun, damit dieser Baum mich los läßt?“

Der Fremde dankte und trank den ihm gereichten Becher leer, und fragte dann: “Sag’ mir bitte, welchen Sinn siehst du in deinem Leben in der Stille?” Der Mönch wies mit einer Geste auf das aufgewühlte Wasser und antwortete: “Schau’ in die Zisterne. Was siehst du?” Der Wanderer blickte hinein, hob dann den Kopf und sagte: “Ich sehe nichts.”
Nach einer kleinen Weile forderte der Mönch ihn nochmal auf: “Schau’ in das Wasser der Zisterne. Was siehst du jetzt?” Noch einmal blickte der Fremde auf das Wasser und antwortete: “Jetzt sehe ich mich selber!”
“Damit ist deine Frage beantwortet”, erklärte der Mönch. “Als du zum ersten Mal in die Zisterne schautest, war das Wasser vom Schöpfen unruhig, und du konntest nichts erkennen. Jetzt ist das Wasser ruhig – und das ist die Erfahrung der Stille: Man sieht sich selbst und kann sich erkennen!”

Zen hat das Ziel, die Aufmerksamkeit auf die Wirklichkeit selbst zu sammeln und nicht auf unsere intellektuellen oder emotionalen Reaktionen auf die Wirklichkeit. Und Wirklichkeit ist das stets Wachsende und sich Wandelnde und nicht zu Definierende, das wir Leben nennen und das nie auch nur einen Augenblick stehen bleibt, damit wir es in ein System von Kategorien und Ideen zwängen können.

Während des Aufenthalts in einem Tempel wurde Meister Tan-hsia kalt, also nahm er eine Holzstatue des Buddha vom Altar und warf sie ins Feuer. Der Hüter des Tempels war entsetzt und verärgert. Daraufhin stocherte der Meister in der Asche: „Was macht Ihr da?“ wollte der Tempelhüter wissen. „Ich suche nach heiligen Überresten“, erwiderte der Meister. „Die findet Ihr doch sicher nicht in der Asche einer Holzstatue“, sagte der Hüter. „Wenn das so ist“, meinte Tan-hsia, „hättet Ihr dann noch ein paar Buddhas, damit ich mich wärmen kann?“

Sei mindestens genauso ideen- und erfindungsreich in deiner Suche nach innerem Frieden, wie du es auch in der Welt des Wettkampfs und der Neurosen bist.

Wenn du es nicht von dir selbst bekommst, woher dann wohl?

Du kannst den Pfad nicht beschreiten,
solange du nicht selbst der Pfad geworden bist.

Meister Hogen sagte zu einem Mönch: „Sieh dir diesen Felsbrocken an. Ist er in deinem Geist oder außerhalb?“ Der Mönch antwortete: „Nach der buddhistischen Lehre ist alles Projektion des Geistes, also nehme ich an, daß er in meinem Geiste ist.“ Hogen sagte: „Ist es nicht beschwerlich, solch einen schweren Stein mit dir herumzuschleppen?“

Wenn einer eine Lüge erzählt, geben tausend andere sie als Wahrheit wieder.

Schüler: „Was ist der Pfad zur Befreiung?“.
Seng-ts’an: „Wer bindet dich?“
Schüler: „Niemand bindet mich.“
Seng-ts’an: „Weshalb möchtest du dann befreit werden?“

Eines Tages drang ein Dieb in die Hütte des Zen-Meisters Shichiri Kojun ein: «Geld her oder ich werde dich töten!», drohte er. Kojun erwiderte ruhig: «Mein Geld ist dort drüben in der Schublade. Nimm es dir, aber vielleicht bist du so nett und läßt mir noch ein klein wenig übrig, da ich morgen nochetwas Reis einkaufen möchte.» Der Dieb war zwar sehr erstaunt, nahm sich dann aber doch fast das ganze Geld. Als er schon an der Tür war, sagte Kojun: «Wenn man etwas erhalten hat, sollte man sich auch dafür bedanken.» «Danke», erwiderte der Dieb kopfschüttelnd und verschwand. Wenig später wurde der Mann bei einem anderen Einbruch verhaftet, und er gestand, unter anderem auch den Zen-Meister bestohlen zu haben, der daraufhin zur Polizeiwache gerufen wurde. «Er hat auch euer Geld gestohlen, nicht wahr?», fragte der Polizist. «Oh nein, er hat mir nichts gestohlen. Ich gab ihm das Geld, und er bedankte sich dafür», sagte Kojun. Als der Mann seine wegen der anderen Vergehen gegen ihn verhängte Strafe verbüßt hatte, kam er zu Zen-Meister Kojun und bat darum, sein Schüler werden zu dürfen.

«Was tust du eigentlich, um dich zu entspannen?» fragt der Schüler seinen Meister. «Nichts», so der Meister. «Wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich esse, esse ich, und wenn ich schlafe, schlafe ich.» «Aber das tun doch alle», der Schüler darauf. «Eben nicht!» die Antwort des Meisters.

In Korea gab es zur Zeit der Bürgerkriege einen ganz besonders grausamen General, der Menschen wahllos niedermetzelte und vor dessen Truppen alle flohen. Nur ein Zen-Meister machte keine Anstalten zu fliehen, als der General mit seinen Männern das Dorf einnahm. Der General ging in das Kloster, zog vor dem Meister sein Schwert und drohte: «Weißt du nicht, wer ich bin? Ohne mit den Wimpern zu zucken kann ich dich töten.» Der Zen-Meister erwiderte sanft: «Und du, weißt du nicht wer ich bin? Ich bin ein Mann, den man töten kann, ohne daß er mit der Wimper zuckt». Da verneigte sich der General und untersagte seinen Männern, das Dorf zu plündern.

Ein junger Mann suchte einen Zen-Meister auf: «Meister, wie lange wird es dauern, bis ich Befreiung erlangt habe?» «Vielleicht zehn Jahre», entgegnete der Meister. «Und wenn ich mich besonders anstrenge, wie lange dauert es dann?», fragte der Schüler. «In dem Fall kann es zwanzig Jahre dauern», erwiderte der Meister. «Ich nehme aber wirklich jede Härte auf mich. Ich will so schnell wie möglich ans Ziel gelangen», beteuerte der Mann. «Dann», erwiderte der Meister, «kann es bis zu vierzig Jahren dauern».

Ein junger Zen-Mönch fragte spitzfindig seinen Meister: «Meister, muß man sich nicht erst verlaufen, um seinen Zielort zu finden!» Der Meister erwiderte: «Seit ich keinen Zielort mehr habe, verlaufe ich mich nicht mehr!»

Tanzan und Eikido wanderten einmal eine schmutzige Straße entlang. Zudem fiel noch heftiger Regen.
Als sie an eine Wegbiegung kamen, trafen sie ein hübsches Mädchen in einem Seidenkimono, welches die Kreuzung überqueren wollte, aber nicht konnte.
«Komm her, Mädchen», sagte Tanzan sogleich. Er nahm sie auf die Arme und trug sie über den Morast der Straße.
Ekido sprach kein Wort, bis sie des Nachts einen Tempel erreichten, in dem sie Rast machten. Da konnte er nicht länger an sich halten. «Wir Mönche dürfen Frauen nicht in die Nähe kommen», sagte er zu Tanzan, «vor allem nicht den jungen und hübschen. Es ist gefährlich. Warum tatest du das?»
«Ich ließ das Mädchen dort stehen», sagte Tanzan, «trägst du sie immer noch?»

Ein bereits älterer Mönch kam zu einem Zen-Meister und sagte: «Ich habe in meinem Leben eine Vielzahl von spirituellen Lehrern aufgesucht und nach und nach immer mehr Vergnügungen aufgegeben, um meine Begierden zu bekämpfen. Ich habe lange Zeit gefastet, jahrelang mich dem Zölibat unterworfen und mich regelmäßig kasteit. Ich habe alles getan, was von mir verlangt wurde, und ich habe wahrhaft gelitten, doch die Erleuchtung wurde mir nicht zuteil. Ich habe alles aufgegeben, jede Gier, jede Freude, jedes Streben fallengelassen. Was soll ich jetzt noch tun?» Der Meister erwiderte: «Gib das Leiden auf!»

Ein Gelehrter fragte den Zen-Meister Gudo: «Was geschieht mit einem erleuchteten Menschen nach seinem Tod?» Gudo erwiderte barsch: «Woher soll ich das wissen?» Der Gelehrte sagte: «Warum? Weil du ein Meister bist.» Gudo bemerkte daraufhin: «Ja, aber kein toter.»

«Der Hauptgrund, warum so viele Menschen leiden, liegt darin, daß sie eine Befriedigung aus ihrem Leiden ziehen», sagte der Meister und machte dies an einem Beispiel deutlich: Neulich fuhr ich in einem Schlafwagen. Unter mir lag ein Mann, der die ganze Zeit stöhnte: «Mein Gott, bin ich durstig; ich bin ja so durstig …» So ging das die ganze Zeit. Schließlich stand ich auf, holte im Speisewagen ein Glas Wasser und brachte es dem Mann, der es dankbar annahm und in einem Zug leerte. Kaum lag ich wieder im Bett, da hörte ich wieder seine Stimme: «Mein Gott, war ich durstig, ach, wie war ich durstig …»

Im Kloster wurden auch psychisch Kranke behandelt. Ein Besucher hörte hinter einer Tür einen Besucher wehklagen: «Ach, Yoko, Yoko …» «Was hat der Mann für ein Problem», fragte er den Zen-Meister. «Nun, Yoko war die Frau, die seine Liebe nicht erhört hat», erklärte der Meister. Wenig später, hinter einer anderen Tür, hörte der Besucher wieder die Stimme eines Mannes: «Oh Yoko, Yoko …» «Ist diese Yoko auch sein Problem», fragte der Besucher: «Ja», erwiderte der Meister, «ihn hat Yoko erhört und geheiratet».

Ein Schüler fragte Zen-Meister Philip Kapleau. «Was kann ein Zen-Meister mir geben?» Kapleau antwortete: «Er kann dir nichts geben, was du nicht schon hast, aber er kann dir vieles nehmen, was deiner wahren Natur fremd ist».

In Indien saß einst ein Einsiedler am Ufer des Flusses, als er von einem jungen Mann in seiner Meditation gestört wurde. Der junge Mann kniete nieder und sagte:
«Meister, ich will euer Schüler werden.»
«Weshalb?» fragte der Meister.
«Weil ich Gott finden will.»
Der Meister sprang auf, packte den jungen Mann am Genick, zerrte ihn zum Fluß und stieß seinen Kopf unter Wasser. Nach einer Weile ließ er den jungen Mann los und zog ihn aus dem Fluß. Der junge Mann spie das Wasser aus, das er geschluckt hatte, und fing an zu husten. Ein wenig später hatte er sich beruhigt.
«Was wolltest du am meisten, als ich dich unter Wasser hielt?» fragte der Meister.
«Luft», sagte der junge Mann.
«Gut», sagte der Meister. «Geh wieder dorthin, wo du hergekommen bist, und komm zu mir zurück, wenn du Gott genausosehr willst, wie du eben Luft wolltest».

Ein Soldat namens Nobushige kam zu Hakuin und fragte: «Gibt es wirklich ein Paradies und eine Hölle?»
«Wer bist du?» erkundigte sich Hakuin. «Ich bin ein Samurai», antwortete der Krieger. «Du ein Soldat!» rief Hakuin. «Welcher Herrscher mag dich wohl zur Schildwache haben? Dein Gesicht sieht aus wie das eines Bettlers.»
Nobushige wurde so wütend, daß er nach seinem Schwert griff, aber Hakuin fuhr fort: «So, du hast ein Schwert! Deine Waffe ist wohl viel zu stumpf, um mir den Kopf abzuschlagen.»
Als Nobushige sein Schwert zog, bemerkte Hakuin:
«Hier öffnen sich die Pforten der Hölle!»
Bei diesen Worten steckte der Samurai, der die Methode des Meisters erkannte, sein Schwert in die Scheide zurück und verneigte sich.
«Hier öffnen sich die Pforten des Paradieses», sagte Hakuin.

Der Bürgermeister bot jedem eine Belohnung von 50 Goldstücken, der einen Vorschlag einbringen konnte, der der Dorfgemeinschaft Geld einspare. Der Zen-Meister des Dorfes schlug dem Bürgermeister vor: «Streichen Sie die Belohnung!»

Wenn Bankei seine Meditationswochen in der Zurückgezogenheit abhielt, kamen Schüler aus vielen Teilen Japans, um daran teilzunehmen. Während eines dieser Treffen wurde ein Schüler beim Stehlen ertappt. Man trug die Sache Bankei vor, mit der Bitte, der Täter möge davongejagt werden. Bankei ignorierte den Fall.
Etwas später wurde der Schüler bei der gleichen Tat ertappt, und wieder übersah Bankei die Angelegenheit. Dies ärgerte die anderen Schüler, und sie schrieben ein Gesuch, in dem sie die Entlassung des Diebes forderten und erklärten, daß sie andernfalls alle zusammen fortgehen würden.
Als Bankei das Gesuch gelesen hatte, rief er alle zu sich. «Irhr seid weise Brüder», sagte er zu ihnen. «Ihr wißt, was recht ist und was nicht recht ist. Geht woanders hin, um zu studieren, wenn ihr wollt, aber dieser arme Bruder kann nicht einmal zwischen recht und unrecht unterscheiden. Wer wird ihn unterrichten, wenn ich es nicht tue? Ich werde ihn hier behalten, selbst wenn ihr anderen alle geht.»
Ein Strom von Tränen läuterte das Gesicht des Bruders, der gestohlen hatte. Jegliches Verlangen zu stehlen war ihm vergangen.

Joshu fragte Nansen: «Was ist der Pfad?»
Nansen sagte: «Das tägliche Leben ist der Pfad.»
Joshu fragte: «Kann man das studieren?»
Nansen sagte: «Wenn du versuchst, es zu studieren, so bist du fern davon.»
Joshu fragte: «Wenn ich es nicht studiere, wie kann ich dann wissen, ob es der Pfad ist?»
Nansen sagte: «Der Pfad gehört nicht der Welt der Wahrnehmung an, noch gehört er der Welt der Nicht-Wahrnehmung an. Erkenntnis ist eine Täuschung und Nicht-Erkenntnis ist sinnlos. Wenn du den wahren Pfad jenseits aller Zweifel erreichen willst, so versetze dich in dieselbe Freiheit, wie der Himmel sie hat. Du wirst sie weder gut noch nicht-gut nennen.» Bei diesen Worten wurde Joshu erleuchtet.

Ein Philosoph fragte Buddha: «Willst du mir die Wahrheit sagen, ohne Worte, ohne Wortlosigkeit?»
Der Buddha schwieg.
Der Philosoph verneigte sich und dankte dem Buddha und sagte: «Durch deine Herzensgüte habe ich meine Täuschungen aufgeklärt und den wahren Pfad betreten.»
Nachdem der Philosoph gegangen war, fragte Ananda den Buddha, was dieser Mann erreicht habe.
Der Buddha antwortete: «Ein gutes Pferd läuft schon angesichts des Schattens einer Peitsche.»

Der Zen-Meister war mit einem Schüler in der Stadt unterwegs. Als sie an einem blinden Bettler vorbeikamen, sagte der Meister zu seinem Schüler: «Gib dem Mann ein Almosen!» Und der Schüler warf dem Mann eine Münze in den Hut. «Jetzt bedanke dich bei ihm», sagte der Meister. Der Schüler tat dies widerwillig und sagte wenig später: «Warum sollte ich mich verneigen, der Mann war doch blind?» Der Meister erwiderte: «Dies tut nichts zur Sache, die Verbeugung machst du für dich, und nicht für ihn. «Und», fügte er hinzu, «wer weiß, vielleicht ist der Mann ein Schwindler.»

Leere deine Tasse
Es war einmal ein westlicher Professor der Philosophie. Er reiste zu einem Zen-Meister, um ihn nach Gott, der Unendlichkeit, der Meditation und vielem anderen zu befragen.
Der Meister hörte sich schweigend all die Fragen des Mannes an.
Nach einer Weile sagte er: „Du hast eine weite Reise hinter dir und du siehst müde aus. Ich werde dir eine Tasse Tee machen.“
Während der Meister den Tee zubereitete, brannte der Professor vor Ungeduld. Er war schließlich nicht zum Teetrinken gekommen, sondern um Antworten auf alle seine Fragen zu bekommen! Wahrscheinlich war dieser Zen-Meister gar kein weiser Mann und wollte nun nur Zeit gewinnen. Sollte seine Reise gar umsonst gewesen sein?
Und als er schon fast am Aufstehen war, kam der Meister mit dem Tablett, auf dem der frisch gebrühte Tee stand. So entschied der Professor, den Tee zu trinken und erst dann zu gehen.
Der Meister nahm die Kanne und begann dem Professor Tee in seine Tasse einzuschenken. Schnell war die Tasse voll und der Tee lief über den Rand und über die Untertasse.
„Halt, Sie Narr! Was tun Sie denn da? Sehen Sie denn nicht, dass die Tasse voll ist? Und dass auch die Untertasse bereits übergelaufen ist?“
Da lächelte der Meister und sprach: „Und genau so ist es mit dir. Dein Verstand ist wie diese Tasse: überfüllt mit Fragen. Selbst wenn ich dir Antworten geben würde, hätten sie gar keinen Platz mehr in deinem Kopf, denn es passt dort genauso wenig hinein wie in diese Tasse. Geh also und leere deine Tasse. Und komm wieder, wenn Platz in dir ist.“

Was im Ton
übereinstimmt,
schwingt miteinander.
Was wahlverwandt ist
im innersten Wesen,
das sucht einander.
I Ging