Väter des modernen Karate

Wendepunkt in der Tradition: Das Problem des »Gruppentrainings« oder »wenn die Schüler sich den Lehrer aussuchen«

Die Karatelehrer unterrichteten vor 1900 nicht öffentlich, hielten ihre Gruppen klein und suchten sich ihre Schüler selbst aus. Dagegen ist das heutige Prinzip, wie der Lehrer zum Schüler kommt, genau umgekehrt. Der Schüler sucht sich seinen Lehrer bzw. ein Lehrer unterrichtet Schul- oder Militärgruppen. Je größer eine Trainingsgruppe wird, umso oberflächlicher, systematisierter und vereinfachter muß der Unterricht zwangsläufig werden. Möchte man die Kampfkunst einer möglichst breiten Masse schmackhaft machen, sind alleine deshalb Einschnitte notwendig. Ein gewissenhafter Lehrer muß sich außerdem fragen, wie er sicherstellt, dass seine zahlreichen Schüler die gelehrten Techniken nicht missbrauchen. Diesen Aspekt bewerteten die alten Meister als wesentlich.

Grosse Gruppen

Diesen Herausforderungen sahen sich die Meister der ersten öffentlichen Karatestunden gegenüber gestellt, als sie begannen, das okinawische Karate zunächst im Schulsport um 1908 auf Okinawa (durch Itosu Anko 1832-1916) und dann um 1920 auf der Hauptinsel Japan (durch Gichin Funakoshi 1868-1957, Kenwa Mabuni 1889-1952 und etwas später auch Chokki Motobu) im Gruppenunterricht zu lehren und zu verbeiteten.

Insbesondere Gichin Funakoshi ist für seinen wichtigen Beitrag zum großen Erfolg des »modernen Karate« bekannt. Er wird der »Vater« des modernen Karate genannt und hat mehrere Bücher zum Thema verfasst. Die Bezeichnung »Vater« trifft dabei nicht wirklich auf ihn zu. Das moderne Karate hat seine Form eher durch Gichin Funakoshis Sohn (Yoshitaka) und die JKA (Japan Karate Association) Instruktoren erhalten, deren bekanntester Masatoshi Nakayama sein dürfte. Mehr dazu weiter unten im Text.

Itosu Anko – der eigentliche »Vater« des modernen Karate?

Wenn es um die ersten öffentlichen Unterrichtseinheiten, erste Umgestaltungen des Karate für den Gruppenunterricht und um die ersten Publikmachungen des Karate geht, darf Itosu Anko (1832-1916) nicht vergessen werden. Funakoshi Gichin bezeichnet Azato Anko und Itosu Anko als seine Hauptlehrer. Bereits als Kind trainierte er bei Azato, welchen er als sehr strengen Lehrer bezeichnet. Insbesondere Azato (1827-1906) nennt Funakoshi als Hauptlehrer in seinen Büchern. Azato war Meisterschüler Sokon »Bushi« Matsumuras und auch im Schwertkampf Jigen-Ryu geübt. Von ihm stammt das Zitat »Beim Karate stelle dir Hände und Füße als Schwerter vor«. Bei Azato durchlief Funakoshi das etwa 10 Jahre dauernde Training der drei Naifanchi (Tekki) Kata. Neben den drei Naifanchi Kata waren die Passai und die Kushanku Kata offenbar die einzigen Kata, mit denen sich Funakoshi intensiv beschäftigte. Zur damaligen Zeit war das Studium von 5 Kata keine geringe Zahl, da sehr viel Wissen anhand der Kata vermittelt wurde. Heute steht eher eine große Anzahl verschiedener Kata im Vordergrund, was eine wirklich intensive Beschäftigung mit den einzelnen Kata ausschließt. So haben manche  Karatestile bis zu 40 Kata im Angebot! Weitere Lehrer, bei denen Funakoshi Unterricht genoss, sind Sensei Kiyuna, To’nno aus Naha, Niigati und der berühmte Sokon Matsumura selbst.

Karate wird für den Schulunterricht verändert…
Itosu Anko war es jedoch, der um 1900 den Schleier um das bis dato üblicherweise eher verborgen geleitete Training lichtete und Karate an den ersten Schulen Okinawas einführte. Dies waren im Grunde die ersten öffentlichen Karateschulen. Die Lehrer, die Itosu am meisten geformt haben, sind Matsumura und Gusukuma.
Itosu wird die Entwicklung der Pinan (Shotokan = “Heian” –  friedvoller Geist) Kata als Lehrplankata für den Schulunterricht zugeschrieben. Ob er die Pinan Kata wirklich entwickelt hat, ist jedoch umstritten. Auch die korkenzieherartige Ausführung des geraden Fauststosses soll durch ihn in ihre endgültige Form gebracht worden sein. Sensei Itosu wurde in Anerkennung seiner Fertigkeiten respektvoll die “Heilige Faust des Shuri-Te” genannt. Neben Gichin Funakoshi zählte auch der bekannte Kenwa Mabuni (Shito-Ryu) zu Itosus ca 6 ausgesuchten Schülern.

Für den Schulunterricht hat Itosu den Gegner aus den Kata »entfernt«. Ein geeignetes Karate für die Heranwachsenden Okinawas sollte geschaffen werden. Karate als Kampfkunst zu lehren, wurde als zu gefährlich für Jugendliche eingestuft. Man fürchtete nicht nur, dass sich die Jugendlichen beim Unterricht unnötig oft verletzen könnten, sondern vielmerh, dass sie das Wissen missbrauchen könnten. Itosu kategorisierte ursprüngliche Techniken der offenen Hand vereinfacht in Stoss- und Blocktechniken und vereinfachte die Prinzipien, die hinter der Dynamik der Kata steckten. Gleichzeitig lenkte er den Fokus auf den zu wiederholenden Ablauf der Kata, ohne auf die für einen Kampf nötige Lehre der Anwendungen oder der Bewegungsmotorik einzugehen. Den Jugendlichen sollten durch diesen Unterricht keine potentiell gefährlichen Kampftechniken beigebracht werden. Der positive Aspekt der körperlichen Ertüchtigung stand im Vordergrund und nicht die Prinzipien einer Kampfkunst.

…und in den Schulunterricht gebracht
Obiges Bild zeigt Itosu um 1910. Er wurde in Shuri geboren und begann in jungen Jahren das Studium des Karate bei Sokon »Bushi« Matsumura. Beruflich hat Itosu später die Sekretärsposition für den König im Schloss in Shuri besetzt. Es ist bemerkenswert, dass sich der letzte amtierende König Okinawas Sho Tai nicht nur mit Leibwächtern wie Sokon Matsumura umgab, die in der Kampfkunst ausgebildet waren, sondern das sogar der Sekretär ein bekannter Meister des Karate war. Mit der Entthronung des Königs Sho Tai in der zweiten Hälfte des 19. Jhdts verloren seine kampftechnisch bewanderten Angestellten jedoch ihre gehobene Stellung und ihre Ämter. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass die okinawischen Meister ihre Schülerzahl bereits zu dieser Zeit leicht vegrößerten. So hatten sie eine zusätzliche Einnahmequelle. Sensei Itosu schrieb um 1905 durch einen Brief an die okinawische Bildungsinstitution die Einführung des entschärften Karate in den Unterricht an allen okinawischen Schulen an. In diesem Brief erklärte er die verschiedenen positiven Aspekte im Zusammenhang mit der Ausübung des Karate. So schreibt er von der Ausbildung eines starken und gesunden Körpers und von der Stärkung innerer Faktoren sowie von der Beziehung des Karate auf ernsthafte Auseinandersetzungen und das es somit nicht für den Wettkampf gedacht ist. Itosu hebt außerdem den militärischen Nutzen des Trainings besonders hervor. Er vollzieht eine Anlehnung an das Sprichwort, dass sich »Erfolgreiche Ausgänge zukünftiger Kriege bereits frühzeitig beeinflussen lassen, nämlich durch Konditionierung der Menschen bereits während ihrer Schulzeit«. Ebenfalls enthält Itosus Brief eine Prognose, dass man das Karate innerhalb von 10 Jahren in ganz Okinawa und auch auf der Hauptinsel Japan verbreiten könnte. Itosu hinterließ Schriften, die u.a. folgenden Wortlaut enthalten: »Shorin-Ryu und Shorei-Ryu kamen vor langer Zeit aus China. Wir glauben, dass beide Stile unterschiedliche Vorteile haben und nicht verändert oder kombiniert werden sollten…«.

Gichin Funakoshi bringt die okinawische Kampfkunst nach Tokyo

Der damals noch in Okinawa wohnende Gichin Funakoshi wurde 1922 von der japanischen Regierung nach Tokyo geladen, um im Rahmen einer Vorstellung alter japanischer Kampfkünste, eine Vorführung des okinawischen Karate zu geben. Im Falle der Anerkennung bestand die Möglichkeit, diese okinawische Kunst zu dort fortan weiter zu verbreiten. Die Sache hatte Erfolg und, wie es die Umstände wollten, blieb und lehrte Funakoshi von dieser Zeit an Karate in Japan. Ursprünglich hatte er eigentlich vor, bald nach der Vorführung wieder nach Okinawa zurück zu kehren. Die Entscheidung in Tokyo zu bleiben, stellte ihn merhmals auf harte Proben, da er zeitweise nichteinmal genug Geld für die nötigsten Dinge hatte. Die Verbreitung des Karate lief, finanziell gesehen, sehr schleppend an. Irgendwann jedoch nahmen aber sogar Universitäten und auch Militärakademien das Karate in ihr Programm auf. Funakoshis engere Schüler nannten sein neu erbautes Dojo in Toshima (Tokyo) später »Shoto-kan«.

»Shoto« bedeutet Pinienrauschen und war Funakoshis Pseudonym für seine Signaturen künstlerischer Werke und »Kan« bedeutet so viel wie Schule. Dieses Dojo öffnete jedoch erst um 1935 seine Türen, nachdem für seinen Bau durch eine Spendenaktion genügend Geld zusammen kam. Zuvor unterrichtete Funakoshi nicht in einem eigenen Dojo. Trotz eines Alters von etwa 70 Jahren ging Gichin Funakoshi jetzt die Systematisierung und Reglementierung des Karate in vollen Zügen an. Bald konnte er nicht mehr persönlich an all den verschiedenen Schulen und anderen öffentlichen und privaten Institutionen Karateunterricht geben und ernannte fortgeschrittene Schüler zu Assistenten, die ihm bei dieser Aufgabe halfen. Der Verbreitung des Karate auch außerhalb Tokyos stand nun nichts mehr im Wege.

Aus Tode (China-Hand) wird Karate (Leere Hand)

Das Kanji »Kara« in seiner heutigen Bedeutung wurde erst ca. 1935 unter Mitwirkung von Gichin Funakoshi dem Namen dieser Kampfkunst zugefügt. In Anerkennung des positiven chinesischen Einflusses auf die Entwicklung des Karate, übernahm man einst im okinawischen Sprachgebrauch ein Kanji, welches ebenfalls »Kara« gelesen wurde, aber auf die chinesische Tang Dynastie (618-907 A.D.) deutet und mit »China-Hand« übersetzt wurde. Für Gichin Funakoshi war es nicht klar, welche Bedeutung des Wortes »Kara« nun zu frühen Zeiten gemeint war.

Das Wort Karate konnte zu dieser Zeit mit »China-Hand« oder mit »Leere-Hand« übersetzt werden. Um 1935 und sicherlich auch um der Schmackhaftmachung des Karate in Japan willen, ersetzten Funakoshi und Hanashiro Chomo daraufhin das alte Zeichen für »Kara« durch ein anderes, ebenfalls »Kara« gesprochene Zeichen. Dieses heute gebräuchliche Zeichen hat die philosophisch behaftete Bedeutung »leer«. Gichin Funakoshi befürwortet diese Änderung u.a. mit der Tatsache, dass Karate eine okinawische Entwicklung ist und sich daher von den chinesischen Kampfkünsten durchaus abgrenzen darf und sollte. Japan war zur Zeit der Publikmachung des Karate allem Chinesischen gegenüber eher negativ eingestellt. Von diesem Gesichtspunkt aus, war die Änderung des »Kara« vor allem ein strategischer Schachzug. Eine Kampfkunst mit chinesischem Namen wäre in Japan nicht akzeptiert worden.

Nach anfänglichem Widerstand okinawischer Meister gegen diese Änderung, gab es letztlich eine allgemeine Akzeptanz und bald darauf sogar Übernahme dieser Kanji im täglichen Gebrauch. Die Bedeutung »leer« des »Kara« sagt zunächst aus, dass man sich ohne Waffen, mit bloßen Händen verteidigen kann. Die tiefere oder eigentliche Bedeutung ist jedoch philosophisch geprägt, passend zu Gichin Funakoshis ausgeprägten philosophischen Hintergrund. Er schreibt in seinem Meistertext: »Form ist Leere, Leere ist die Form selbst. Das Kara des Kara-Te-Do hat eben diese Bedeutung«. Sich von störenden Gedanken bei Bedarf frei oder »leer« machen zu können ist eine wichtige Eigenschaft im Leben sowie im Kampf. Siehe dazu auch die Aspekte »Mushin« und »Zanshin« (siehe auch unter »Die Geisteshaltung«).

Technisierung und Entschärfung des Karate

Nicht nur Gichin Funakoshi veränderte das Karate, auch das Weltbild der Japaner beeinflusste die Interpretation der körperlichen Dynamik dieser Kampfkunst. Um 1922 begann Gichin Funakoshi Karate im Hauptland Japan zu lehren und erste japanische Instruktoren auszubilden. Die Physik des Karate bekam deutlich die Sichtweise eines von der Zeit der Industrialisierung geprägten, mechanisierten Weltbildes aufgedrückt. Vieles wurde durch die japanischen Instruktoren selbst interpretiert, da nicht genug Lehrer da waren, die die alten Prinzipien intensiv genug verbreiteten. Bekannt ist z.B. die Abbildung eines Menschen in Form eines mechanischen “Stangenmannes” mit ineinandergreifenden fest verbundenen Zahnrädern, Kolben und Gelenken. Entsprechend mußten sich die Bewegungen des Karate analog solcher sehr mechanisierten Vorbilder von manchem Beobachter als etwas roboterartig anmutend beschreiben lassen.

Manche meinen irrtümlicher Weise, das alte Karate wäre schwächer gewesen, weil die Haltungen okinawischer Meister auf Bildern nicht so stark und heroisch aussehen wie Bilder moderner Karateathleten. Die Wirksamkeit einer Technik läßt sich nicht anhand ihres äusseren Erscheinungsbildes erkennen. Die okinawische Körperdynamik spielt sich im Inneren ab und will möglichst nichts nach Aussen verraten. Auch die Anwendungen der Techniken und Prinzipien des okinawischen Karate haben eigentlich keinen Verbesserungsbedarf gehabt. Die »alten« okinawischen Meister des Karate widmeten einen Großteil ihres Lebens dem Training und dem Austausch von Erfahrungen. Der Mensch hat sich (körpereigene Waffen, Stärken und Schwächen) in seiner Anatomie nicht verändert seitdem. Daher kann man davon ausgehen, dass die alten Techniken ausgefeilt waren und an sich keiner kampftechnischen »Modernisierung« bedurften. Leider mußten die japanischen Instruktoren selbst interpretieren, da die Prinzipien, die Bedeutung und Anwendung der Techniken schon immer nur in kleinen Kreisen weitergegeben wurde. Usprünglich suchten sich die Meister ihre wenigen Schüler selber aus und manch ein Meister nahm sein Wissen lieber mit ins Grab, als es vor größeren Gruppen offen zu legen. Auch Itosu Anko und Gichin Funakoshi haben das Karate entschärft, da sie im Massenunterricht nicht mehr selber entschieden, wer ihr Schüler wird. Funakoshi machte es dem Judo und Kendo gleich und hing ein »Do« an das Karate, womit er das rein kämpferische des Karate in den Hintergrund stellte und das Philosophische und Ganzheitiche betonte. Jujutsu und Kenjutsu wurden kurz zurvor ebenfalls entschärft und zu Wegkünsten geformt. Sollte dem geworfenen Gegner im Jujutsu möglichst keine Chance gegeben werden, sich abrollen oder abfangen zu können, so stand die Sicherheit des Geworfenen im Judo nun im Vordergrund.

Das Training auf der Hauptinsel Japan beginnt

Nachdem Gichin Funakoshi das Karatetraining in Tokyo um 1922 eröffnet hatte, stellte sich Takeshi Shimoda als talentiertester Schüler heraus. Shimoda, der nach Shigeru Egamis Aussage (Shigeru Egami (1912 – 1981): “The Heart of Karate Do”, Begründer des Shotokai 1957 als Nachfolger des Shotokan, während Masatoshi Nakayama eine federführende Position bei der Gründung der wettkampforientierten JKA-Shotokan um 1955  inne hatte) auch ein Experte in Kendo und Ninjutsu war, übernahm ca 1930 auch die Tätigkeit als Lehrer für Funakoshis Schüler und leitete verschiedene Vorführungen des Karate. Um 1934 starb er jedoch nach einer Erkrankung kurz nach einer Vorführungsreise durch verschiedene Städte Japans.

An Shimodas Stelle trat Gigo Funakoshi, welcher der drittälteste Sohn von Gichin Funakoshi war. Die japanischen Schriftzeichen seines Vornamens können »Gigo« aber auch »Yoshitaka« gelesen werden. Daher sind beide Namen im sprachgebräuchlichen Umlauf. Gigo Funakoshi zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt durch die fortgeschrittenste Technik unter Gichin Funakoshis Schülern aus. Er erlangte schnell die Achtung und den Respekt, den er als Assistent und Nebentrainer Gichin Funakoshis brauchte. Er wurde “Waka-Sensei« genannt, was »junger Lehrer« bedeutet. Seinen Vater nannten die Schüler dagegen »Ro-Sensei« in der Bedeutung von »alter Lehrer«. »Alt« hat in dieser Bedeutung natürlich nicht den negativen Hauch eines alten gebrechlichen Mannes, im Gegenteil. Der Zeitzeuge Shigeru Egami berichtet von der unglaublichen Härte der Fauststöße Gigos am Makiwara. Aus einer Kiba-Dachi (= Reiterstellung) artigen Stellung, mit locker herunterbaumelnden Armen, schlug er blitzschnell zu ohne das man größeren Hüftgebrauch sehen konnte. Anhand der Reaktion des Makiwara kamen keine Zweifel über die Effektivität seiner Schläge auf. Er war der einzige aus der Shotokanriege, der es schaffte, ein Makiwara zum Zerbrechen zu bringen. So galt er als positives Beispiel und seine Technik als anzustrebendes Ziel, welches es zu erreichen galt unter den Funakoshi Schülern. Gichin Funakoshi selber war offenbar nicht begeistert, wenn sein Sohn mal wieder ein Makiwara oder beim Stampftritt eine Holzbodenplanke zerbrochen hatte. Gigo Funakoshi hatte sein Leben lang mit den Einschränkungen einer unheilbaren Krankheit zu kämpfen und starb recht früh im Frühling 1945. Die Einschätzungen der Ärzte hatten im solch eine, den Umständen entsprechend hohe Lebenserwartung, nicht prognostiziert. Die letzten Jahre hatte er all seine Energie in den Aufbau des Shotokan und eine Weiterentwicklung des Stils seinen Ansichten gemäß gesteckt. Die Zerstörung des Dojos im 2. Weltkrieg hatte ihm zusätzlich seelisch erheblich zugesetzt.

Gigo Funakoshi ist es gewesen, der das Gesicht des heutigen Shotokan geprägt hat. Shigeru Egami vermutet, dass die Zerstörung des Shotokan Dojo letztlich zuviel für ihn gewesen ist und er so den Halt am Leben verloren hatte. Nun trat Shigeru Egami in die Position des Assistenten von Gichin Funakoshi, welcher dessen Erbe später in Gestalt der Shotokai Organisation weiterentwickelte. Egami hielt sich auch später derart streng an die Maßgaben des inzwischen verstorbenen Gichin Funakoshi, dass es zu einer Aufspaltung unter den Shotokan Anhängern kam. Besonders die Egamis geforderte Abstinenz vom Wettkampfgeschehen war ein Streitpunkt. Masatoshi Nakayama, der damals die jüngere Generation von Shotokan Schülern wiederspiegelte, gründete nach seiner Abspaltung die JKA und nahm den Wettkampftauglichkeitsgedanken fortan verstärkt in das Shotokan auf. Nakayama bekräftigte jedoch, sich in Hinblick auf die technischen Grundlagen weiterhin genau an Funakoshis Vorgaben gehalten zu haben.