3 Säulen des Karatetrainings

Karatetraining wird gerne in drei wesentliche Grundbestandteile (häufig auch die drei Säulen des Karate genannt) unterteilt:

 

– Kihon
Die Grundschule trainiert einzelne Aspekte einer Technik und/ oder Bewegung ohne Partner. Eine bestimmte Technik oder kurze Kombination oder Sequenz wird sehr oft wiederholt, entweder im natürlichen, frontalen Stand oder in der Bewegung. Das Training im frontalen Stand (Hachi-Dachi oder Shizentai) wird stationäres Training genannt. Nur hier soll im Shorin Ryu der Oberkörper am Ende der Technikausführung frontal sein. Sobald wir uns vor oder zurück bewegen, wollen wir dem Gegner unsere Körperfront nicht mehr präsentieren. Sie wird sowohl in als auch während der Bewegung verborgen gehalten. Eine schmale Front ist schwieriger zu treffen, leichter zu decken und verbirgt wesentliche Vitalpunkte des Oberkörpers. Sämtliche Grundschultechniken des Karate decken, richtig ausgeführt, auch in der Bewegung den verbleibenden Bereich der Körperfront. Hierbei spielen auch die sogenannten »Ausholbewegungen« eine wichtige Rolle.

– Kata
Sie bestehen aus einer Abfolge festgelegter Bewegungen. Die Ausführung einer Kata dauert 1-2 Minuten. In der Regel bewegt man sich in den Kata vorwärts oder in 90° bzw. 45° Winkeln. Ein direktes Zurückweichen wird vermieden, da es dem vorwärts drängeden Angreifer Vorteile verschaffen würde.
Kata bilden somit ein Instrument der Bewegungsschule und enthalten motorische Grundlagen für vielfältige Anwendungen der Techniken sowie die innere Dynamik des Kampfstils. In die alten Kata flossen daher Bewegungen ein, die nicht nur als eigenständige Techniken dienen, vielmehr mussten sie tauglich sein, übergreifende Prinzipien zu trainieren. Für die Entwicklung des Sportkarate wurden an dieser Stelle Änderungen vorgenommen, so dass die modernen Kata den Schwerpunkt eher auf einzelne und voneinander getrennte Schritte und Techniken legen. Wir folgen dagegen dem alten Ansatz. So ist es möglich, durch Katatraining einen wesentlichen Beitrag zur freien Bewegung zu leisten.
Kata lehren, sich zu bewegen unter Beachtung der Bedrohung der eigenen Schwachstellen durch einen imaginären Gegner. Dies entwickelt den Sinn für das Seichusen und Enbusen (Angriffslinie, Ablauflinie, Selbstschutz) als Kernelement der Kata de alten Karate.

– Kumite
Der mehr oder weniger reglementierte oder aber abgesprochene Kampf/ Kampfanwendungen. Oftmals »freier Kampf« genannt, obwohl er idR. Einschränkungen und Regeln enthält. In der einfachen Form werden vorher abgesprochene Techniken mehrfach wiederholt und am entsprechend agierenden Partner eingeübt. Dabei kann die Geschwindigkeit und der ausgeübte psychische Druck dem Gegenüber angepasst werden.

 


Kihon, Kata und Kumite – »Alte« und Moderne Auslegung

Die in Kihon, Kata und Kumite antrainierten Methoden und Fertigkeiten sollen untereinander kompatibel sein und mit der Zeit in Fleisch und Blut übergehen, um im Notfall ohne Nachzudenken abrufbar zu sein. Das alte Karate integrierte zudem bestimmte einfache Waffen, wie den Langstock und die Sai in das Training. Aus ihnen geht das Kobudo/ Kobujutsu hervor. Im modernen Karate sehen Bewegung und Dynamik in Grundschule, Kata und Kumite sehen oftmals sehr unterschiedlich aus. Es ist als würde man verschiedene Disziplinen trainieren. Entsprechend treten Wettkampfteilnehmer nur sehr selten in beiden Disziplinen – Kata und Kumite an.

Wir führen die Integrität der drei »Säulen« des Karate und der Integration des Kobujutsu fort. So wollen wir durch Kihon, Kata und Kumite des Karate und dem Kobujtsu das Fundament für das entwickeln, was dann auch im Kampf automatisch abgerufen werden soll. Begleitend dazu bedienen wir uns…

– spezieller Aufwärm- und Partnerübungen

– sogenanntem »Training an der Wand«. Der Körper wird eng an einer Wand entlang bewegt. Da die Wand nict nachgibt, muss der Körper sich sehr flexibel bewegen lernen.
– Pratzentraining

 

 

Kihon

Kihon beschreibt das Einstudieren und wiederholte Ausführen einzelner Techniken. Es wird auf gute Körperarbeit und effektive Ausführung der Technik geachtet. Kihon wird auch »Grundschule« des Karate genannt. Es kann statisch im Stehen oder dynamisch in der Bewegung ausgeführt werden.

Im Kihon gilt es an den Grundprinzipien der Bewegung zu feilen – insbesondere der Bewegung beim freien Agieren. Kihon wird eingesetzt, weil es förderlich ist, sich in anbetracht der Komplexität der freien Bewegung und des freien Kampfes immer wieder auf einzelne Aspekte des späteren Gesamtspektrums einer Technik konzentrieren zu können. Was ist der grosse Nutzen der vielen Wiederholungen bestimmtet Bewegungen? Der Sinn dahinter besteht nicht darin, stumpf 1000 mal eine Technik zu wiederholen. Durch die Wiederholungen kann man sich viel mehr abwechselnd auf die einzelnen Details der entsprechenden Bewegung konzentrieren. Man muss sich nicht auf alle Details auf einmal achten, sondern kann den Fokus z.B. nach jeder 20. Wiederholung variieren.

Kihon und Kata folgen effektiven und natürlichen Bewegungsprinzipien, genauso wie ein freier Kampf dies tut.


Makiwara:
Es sind Hilfsmittel wie Makiwara, Pratze oder Sandsack notwendig, um Technik und Körper auf die Abgabe der Energie an das Ziel vorzubereiten. Das Schlagen aus einem stationären Stand aber auch aus der Bewegung gegen ein Ziel, trainiert die richtigen Winkel der Schlagführung und den begleitenden Einsatz der Körpermasse. Dies ist nicht möglich, wenn die Techniken lediglich mit leichtem Kontakt am Partner oder in die Luft ausgeführt werden. Das Pratzentraining lässt viel Spielraum für kreative Ideen.

Unaufälliges Bewegen aus dynamischen Ständen

Die Entwicklung sogenannter dynamischer Stände ist von großer Bedeutung. Dies steht im Gegensatz zu statischen Ständen, aus denen man sich schwieriger bewegen kann. Wir wollen unseren gesamten Körper ansatzlos und ohne Kraftaufwand von der Stelle bewegen können. Ein stabiler Stand wäre dafür hinderlich, denn es liegt in der Natur tiefer Stände, uns auf der Stelle zu verwurzeln. Wir versuchen daher, den kämpferisch nutzbaren Umgang mit dem Gefühl für die Unbalance der Karatestände zu erlernen. Anstatt statischer Stände trainieren wir die Erhaltung der Dynamik der Stände, auch wenn wir augenscheinlich still stehen. Das Voranbewegen des Körpers im Shima-Ha Karate basiert  daher nicht auf einem sprintähnlichen Abstossen des Fusses vom Boden. Ein derartiges Abstossen ist sichtbar, muß die Masseträgheit des Körpers überwinden, braucht entsprechend Zeit und Energie. All dieses gibt dem Gegner Informationen und Gelegenheit, sich auf den startenden Angriff vorzubereiten.

Schwerkraft und Ungleichgewicht nutzen

Die eigenen Bewegungen sollen keine Abwehr- oder Konterreflexe im Gegner auslösen. Dazu wird sich der geraden Linie der Techniken, eines sehr beweglichen Körpers aber auch auf subtile Weise der Schwerkraft bedient. Vorteilhaft ist es, wenn man sich als Bewegungsstart plötzlich und »einfach« in die Bewegung hineinfallen lässt, anstatt kraftvoll in den Boden zu treten, um hier die Energie für die Bewegung her zu holen. Unscheinbar ausgeführtes »Hineinfallen« als Bewegungsstart ist nur schwer wahrnehmbar. Der ansonsten sichtbare Ruck beim Überwinden der eigenen Masseträgheit entfällt völlig. Bildliches Gleichnis ist der Tropfen, der sich plötzlich und ohne Vorzeichen oder Energieaufwand vom Blatt löst (er »nutzt« die Schwerkraft als natürlich vorhandene Energiequelle). Das hierbei kein eigener Energieaufwand nötig ist, um die Bewegung zu starten, da man lediglich dem Zug der Schwerkraft nachgibt ist ein weiterer Vorteil dieses alten Prinzips. Damit dieses Prinzip angewendet werden kann, ist es wichtig immer in dynamischen Ständen zu stehen und Statik zu vermeiden. In statischen Ständen können wir die Schwerkraft nicht nutzen, um uns in eine bestimmte Richtung zu bewegen, ausser wir wollen direkt nach unten fallen. Die Naifanchi Kata zeigt uns das Prinzip, nie in der Balance zu stehen, sondern die Balance bereits im Stand gebrochen zu haben. Denn um aus der Balance in Bewegung zu kommen, muss diese Balance erst aufgehoben werden. Dies kostet Zeit und Energie und ist sichtbar. In der Naifanchi Kata kommen zwar Stände wie Neko-Ashi-, Shiko- (Kiba-) oder Zenkutsu Dachi nicht vor, sie lehrt dennoch die Grundlagen dafür, wie diese Stände ausgeführt werden können.

Wesentlich für die Dynamik ist also die Beherrschung des »Ungleichgewichts« und die Fähigkeit zu dessen plötzlicher Nutzung. Dies erfordert viel Arbeit, da der Körper von Natur aus darauf trainiert ist, immer möglichst im Gleichgewicht zu sein und dieses auch zu halten. Bekannte Kata wie die Naifanchi (Modern: Tekki) Serie trainieren ganz bewußt das Ungleichgewicht unter anderem mit einer »Nami-Gaeshi« genannten Fußtechnik und zählten nicht umsonst um 1900 noch zu den wesentlichsten Kata des Karate (zur Naifanchi Kata gibt es weiter unten mehr Informationen). Vermutlich aufgrund mangelnder Showqualitäten und mangelnder Kenntniss ihrer Bedeutung, haben diese Kata später an Bedeutung verloren.

Ebenfalls in modernen Stilen aufgrund mangelnder Übertragung des Hintergrundwissens eher argwöhnisch betrachtete Stände wie der Neko-Ashi-Dachi (Katzenfuss-Stand) oder auch der Kage-Ashi-Dachi (seitlicher Übersetzschritt) sind Beispiele für deutliche Bindeglieder, wenn es um die subtile Nutzung der Schwerkraft durch Verlagerung des Schwerpunktes nach ausserhalb des eigenen Körpers geht. Der Kage-Ashi-Dachi ist prinzipiell nichts anderes, als ein Neko-Ashi-Dachi jedoch um 90 Grad versetzt zur Seite ausgeführt. Die effektive und vor allem plötzliche Nutzung der Schwerkraft ist schwierig zu erlernen.

In den Kata des modernen Karate wurde der Neko-Ashi-Dachi durch den Kokutsu-Dachi ersetzt, was leider einer Ausserkraftsetzung des dynamischen Prinzips der Schwerkraftnutzung gleichkam. Kann der Schwerpunkt im Neko-Ashi Dachi direkt nach vorne verlagert werden, ist er im Kokutsu Dachi unweigerlich nach hinten verlagert. Daher ist sogar noch einmal zusätzliche Energie, Zeit und “Telegrafie” notwendig, um vom rückwärtig gelagerten Kokutsu Dachi den Gegenangriff zu führen und die eigene Masse damit wieder nach vorne zu verlagern. Im okinawischen Karate kam der Kokustu-Dachi daher nahezu nirgendwo vor.

Keine Ausholbewegungen, keine reinen Blocks, keine statische Anspannung

Da auf einen Angriff schnell und direkt reagiert werden muß, sind eigentlich keine Ausholbewegungen in den Abwehrtechniken enthalten. Die Abwehrtechniken haben allesamt einen angreifenden Charakter und unterscheiden sich daher in Haltung und Ausführung vom modernen Karate, wo Blocktechniken sehr defensiv ausgeführt werden. Durch das Training wird eine innere Dynamik des Muskeleinsatzes entwickelt, welche die Blocktechniken trotz kurzer Wege sehr hart und überraschend unangenehm für den Gegner werden läßt und Angriffscharakter in sich trägt. Generell gilt für die Techniken, dass in die Luft geschlagen keine größere Kraft am eigenen Körper spürbar sein sollte. Diese Kraft wäre gegen den eigenen Körper gerichtet, sonst würde man sie nicht spüren können. Die Kraft, die man an sich spürt, wird beim Kontakt dann nicht an den Gegner übertragen. Es wird also jede statische Anspannung zum Ende der eigenen Technik hin vermieden. Die Technik soll möglichst ungebremst im Ziel landen und auch im Ziel nicht bewusst gebremst werden. Damit ergibt sich eine sehr durchdringende Wirkung der Techniken.
Hierzu passt das bekannte Zitat »Benutze Hände und Füße wie Schwerter« des aus Gichin Funakoshis Schriften bekannten Meisters Itosu Anko. Um den Arm wie ein Schwert einsetzen zu können, muß jegliche unnötige Muskelspannung ausgeschaltet werden. Werden die Muskeln am Ende der Technik angespannt, um vielleicht ein »Gefühl von Kraft« zu spüren, dann schieben sie sich im entscheidenden Moment der Technik wie ein Dämpfer vor die Knochen des Unterarms. Dies hat zur Folge, dass ein Unterarmblock weich wird und den Gegner kaum beeindruckt. Will man den Unterarm wie ein Schwert benutzen, dann muß man lernen, mit den eigenen Knochen zu schlagen. Es sollen äusserst schmerzhafte Techniken auch auf kurzen Wegen erreicht werden können.

Für den Fauststoß würde ein Anspannen am Ende der Technik bedeuten, dass man die zuvor aufgebaute Bewegungsenergie selbst bremst, anstatt sie an den Gegner abzugeben. Das Anspannen erzeugt ähnlich wie beim Block zwar ein »Gefühl von Kraft«, da man dieses Gefühl jedoch an sich selber spürt, gibt man diesen Kraftanteil nicht an den Gegner ab. In die Luft geschlagene Techniken sollten sich daher eher leicht anfühlen.

 

Kata

Wissen in Formen (Kata) bringen

Bei uns sind die Kata nicht nur einer von drei Teilen des Karate, sondern die Kata ist der Teil, aus dem sich alle anderen ergeben. Die alten Meister schrieben keine Bücher, erschufen jedoch die Kata, in die sie das Wissen um die Technik und Motorik reinpackten. Der Ablauf der Kata ist das äussere Gerüst, wesentlich ist jedoch der innere Aufbau. Dies beinhaltet das Wissen, wie man von einem Stand zum anderen Stand gelangt und wurde persönlich vermittelt. Daher langt es nie, eine Kata nur vom Ablauf vermittelt zu bekommen, ohne auch die inneren Prinzipien trainieren zu können. Diese bestimmen, dass eine Kata nicht nur wie eine äussere Kraftdemonstration wirkt.
Wir benutzen dazu die alten Formen des Shorin-Ryu Karate und ein paar weitere traditionelle Kata. Diese Formen wurden im Rahmen der Massenverbreitung des Karate vom Ablauf her nicht derart vereinfacht und einander angeglichen, wie ihre modernen Ableitungen. Ein grosser Vorteil des Katatrainings ist, dass alle Techniken in einer Weise durchgezogen werden können, wie es aus gesundheitlichen Gründen nicht an einem Übungspartner möglich wäre. Wesentlich ist dabei natürlich, dass man weiss, wofür die Techniken der Kata eingesetzt werden können. In die Kata integriert sind Stöße, Schläge, Tritte, Abwehrtechniken welche direkt zum Angriff werden, Hebel, Würfe, Finten usw.

Unser Training basiert auf der Lehre unseres Shihan Toshihiro Oshiro (9. Dan Karate, direkter Stilerbe des Yamanni-Ryu Kobujutsu). Nachdem Shihan Oshiro bemerkte, dass Katatraining, auf die übliche Weise gelehrt, nicht wirklich auf eine reale Konfrontation oder zumindest auf einen Kumite-Wettkampf vorbereitet, begann er intensiv nach den alten Prinzipien zu forschen.

Die Massenverbreitung des »modernen« Karate machte den Gang über die Vereinfachung und Systematisierung der alten Kampfkunst unabdingbar. So konnte das (vereinfachte) Karate seinen Siegeszug um die ganze Welt vollziehen. Leider wurde auch die essentielle Verknüpfung zum Kobudo gekappt. Das mit der Verbreitung des Karate entstehende Wettkampfkarate hat in seinen ersten Jahrzehnten eher auf das äussere Erscheinungsbild der Kata Wert gelegt als auf ihre ursprüngliche Bedeutung und Potential – »Form over Function«. Im Kampfsport müssen Techniken durch fremde Augen (Kampfrichter) bewertet werden können, in der Kampfunst müssen die Techniken möglichst gut vor den Augen des Fremden verborgen bleiben. Im Kampfsport dürfen empfindliche Stellen und gefährliche Techiken nicht eingesetzt werden, in der Kampfkunst gibt es keine Regeln, die Vitalpunkte müssen auch in der Bewegung geschützt sein – Gegensätzliche Ansätze!

Durch die quasi gegensätzlichen Ansätze und Anforderungen entfernte sich das Sportkarate vom Kern des alten Karate. Viel Wissen ging verloren. Der Gegner wurde aus der Kata entfernt, wie man am Umgang mit dem Seichusen und Enbusen der modernen Kata erkennen kann. Dies betrifft nicht nur die Bedeutung von Techniken sondern auch die ausgetüftelte innere Bewegungsdynamik und -motorik, die Karate als Kampfkunst ausmachen. Es sind Bewegungsprinzipien und Übungsmethoden, die sich als vorteilhaft in realen Konfrontationen erweisen und einen enormen positiven Effekt auf die Gesunderhaltung und Kräftigung des Körpers haben. Dies gilt bis ins hohe Alter, wie man hier deutlich an Shihan Toshihiro Oshiro selber sehen kann.

 

 

Kumite

Kata können Fertigkeiten wie z.B. Einsatz der eigenen Gewichts am Gegner, Distanzgefühl, Timing und das Ergreifen der Intiative im Bezug auf ein sich bewegendes Ziel nicht trainieren. Daher sind Aussagen Foto 19.03.14 20 48 55 fragwürdig, wonach Katatraining alleine bereits ausreichen soll, um sich effektiv in der Auseinandersetzung mit einer anderen Person zu üben. Kumite beschreibt das Partnertraining, in dem die Techniken und Prinzipien mehr oder weniger kampfbezogen angewandt werden. Kumite kann von einfachen Techniken bis hin zu komplexeren Techniken oder Technikfolgen und einem Herantasten an die Situation eines “freien” Kampfes oder Angriffs gehen. Der Partner agiert dabei je nach Stadium des Abwehrenden mehr oder weniger “aggressiv”, widerspenstig bzw. druckvoll. Beim Kumite werden Schwächen in der Deckungsarbeit sichtbar. Es ist sehr wichtig für das Training der Reflexe und des Distanzgefühls.

»Du kämpfst wie du trainierst«
Beim Kumitetraining müssen wir bedenken, dass bestimmte Methoden hinderlich auf ein vorteilhaftes Agieren im freien Kampf (und der Selbstverteidigung) sein können. Es gilt das Sprichwort »Du kämpfst wie du trainierst«. Was man sich durch häufiges Wiederholen antrainiert, wird man in einer Notsituation reflexartig automatisch abrufen.
Als Beispiel sei angeführt:
Eine Trainingsmethode des reinen Blockens ist verbreitet. Hier wird blockend mit jeweils einem Schritt zurück gegangen, während der Angreifer Schritt für Schritt seinen Angriff vor trägt. Macht man diese Methode zum Hauptbestandteil des Kihon oder Kumite Trainings, dann trainiert man sich bezogen auf einen Kampf eine nachteilige Verhaltensweise an. Diese Methode widerspricht nicht nur dem Kampf, sondern auch den Kata, die selbst mit blockenden Techniken (welche ursprünglich Angriffscharakter inne hatten) vorwärts gehen. Durch das blockende Zurückweichen in einer mehr oder weniger offenen und sehr aufrechten Haltung, konzentriert man sich zunächst nur auf den Block und begibt sich in eine nachteilige Position und Haltung. Durch den Schritt zurück mit einem Block hat man im besten Fall den ersten Angriff geblockt. Jetzt ist man jedoch in einer Situation, wo der Angreifer nicht unbedingt auf einen Konter wartet, sondern seinen Vorwärtsdrang ausnutzend direkt weiter angreifen wird. Da die Vorwärtsbewegung einfacher ist als die Rückwärtsbewegung, ist der Angreifer im Vorteil. Die erste Aktion entscheidet über den weiteren Verlauf und man sollte sich durch sie nicht in eine schwierigere Lage bringen als man ohnehin schon ist. Es ist im Kampf nur schwer möglich aus einer rückwärtigen Bewegung und Haltung gegen den vorwärts gehenden Angreifer wieder die Offensive zu gewinnen.

Für das im Notfall angewandte Karate gibt bereits der ansonsten überaus friedfertig eingestellte Gichin Funakoshi klare Anweisungen. Eben dass ein Kampf direkt zu beenden ist, sofern alle Mittel diesen zu vermeiden, ausgeschöpft sind (siehe auch »Funakoshis Nijukun, Richtlinien für das Karate – Es gibt keinen ersten Angriff im Karate«).


Die Initiative erlangen

Bekannte okinawische Meister wie Shoshin Nagamine, Motobu Chokki, Mabuni Kenei und Funakoshi Gichin bekräftigen die Notwendigkeit der direkten Verbindung von Abwehr und Angriff im Karate. Im Karate soll eine Abwehr bereits einen Angriff in sich tragen. In diesem Zusammenhang sind die bekannten Begriffe “Go no Sen”, “Sen no Sen” und Sen Sen no Sen” zu sehen (siehe »Funakoshis Nijukun, Richtlinien für das Karatekarate ni sente nashi«). Es geht hierbei immer um den Zeitpunkt, in dem man die Initiative ergreift um den Kampf zu beenden.

Sen Sen no Sen: Die eigene Initiative den Kampf durch Einsatz körperlicher Gewalt wird hier in dem Moment übernommen, wo sich der potentielle Angreifer gerade den geistigen Impuls zum Angriff gibt (strafrechtlich u.U. bedenklich), sein Angriff also unmitelbar bevorsteht und nicht mehr abwendbar scheint. Diese Situation lässt sich als eine Art präventiver Erstschlag bezeichnen, denn niemand muss sich unverschuldet einer Situation ausliefern, die die eigene körperliche Unversehrtheit gefährdet.

Sen no Sen: Sobald der Agressor seinen Angriff körperlich startet beendet man den Kampf indem man in dessen Angriff mit einer entsprechenden Technik hinein geht. Man bringt die eigene Technik ins Ziel in den gestarteten gegnerischen Angriff. Die Kunst dabei ist, selbst kein Ziel zu bieten und schneller als der Angreifer zu sein. Für weite Ausweichbewegungen ist hier kein Platz.

Go no Sen: Dieses Prinzip beschreibt den spätesten eigenen Ansatz der Initative. Er erfolgt in dem Moment, wo der Agressor seinen Angriff ausführt und sich zwangsweise eine “Lücke” in seinem Angriff eröffnet. Der gegnerische Angriff wird dabei evtl. blockend umgangen um die eigene Technik darauf direkt ins Ziel zu bringen. Es geht hier nicht darum, den vorwärts drängenden Angriff zurückweichend defensiv zu blocken und dann erst die Angriffinitiative starten zu wollen (dies müßte man dann vielleicht “Go Go no Sen” nennen). Ein solches Prinzip gibt es nicht, da man sich in eine nachteilige Situation in mehrfacher Hinsicht begeben würde. Man würde sich einen Schritt hinter die Aktionen des Angreifers begeben um dann zu versuchen, ihn wieder einzuholen. Dieses selbstgefährdende »Prinzip« wird manchmal irrtümlicher Weise als Go no Sen verstanden und trainiert.

 

Wesentliche Beispiele für Grundsätze zum Einsatz der traditionellen Techniken:

Auch eine blockende Bewegung muss den eigenen Angriff in sich tragen und sollte nie rein defensiv sein. Die Bezeichnung »Block« und das Einführen reiner Blocktechniken kam erst in der Moderne in das Karate.

Die blockende Hand ist oftmals die vordere Hand. Diese ist dem Gegner idR. am nähesten und muss fliessend zum Angriff benutzt werden können. Mit der weiter zurück liegenden Hand anzugreifen (z.B. Gyaku Zuki) bedeutet mehr Zeit zu brauchen. So sagte Motobu Choki, dass die Methode, mit einer Hand zu blocken und mit der anderen zu kontern keine wirkliche Technik der Kampfkunst ist.

Die zurückgehende (Hiki-Te) Hand trainiert vielfältige Anwendungsmöglichkeiten. Wichtig ist der Einsatz als greifende und zumindest kurz ziehende Hand. Die Hiki-Te Hand wird in der Kata zur Hüfte gezogen. Diese Richtung bedeutet eine günstige Kraftrichtung für verschiedenste Anwendungen. Beim Umgang mit dem Bo beschleunigt die Hiki-Te Hand mit einer dem Karate gleichenden Bewegung die Waffe, während die vorgehende Hand die Richtung des Bo durch die Luft bestimmt.

Stellungen können eingesetzt werden, um den Angreifer zu immobilisieren bzw. zu blockieren. Je mehr Kontaktpunkte sich ergeben, umso besser kann der Gegner manipuliert oder blockiert werden. Die Fussbewegungen werden so ausgeführt, dass man mit dem eigenen Fuss auf dem Fuss des Gegners landen würde und nicht mit ihm zusammen stossen würde.

Tiefe Tritte haben hohen Tritten gegenüber viele Vorteile sofern sie nicht durch Regeln verboten sind. Oberschenkel und Knie sind wichtige Angriffsziele, die auch aus der Nahdistanz angrgriffen werden können, ohne das der Tritt vom Gegenüber visuell wahrgenommen wird.

Es ist wichtig, nicht nur die Schlagtechniken der Kata zu kennen, sondern auch die Hebel-, Antihebel-, Wurf-, Greif- und Zwischentechniken. Dies erweitert das Trainingsrepertoire der Kata erheblich.